Madness reigns


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Tarot – Geschichten : VIII – Die Ausgleichung

VIII – Die Ausgleichung

Dieses ständige Lächeln machte sie krank. Immer schön höflich bleiben. Möchten Sie noch einen Kaffee, kann ich Ihnen noch etwas bringen, ist alles zu ihrer Zufriedenheit…
Diese feisten Fettsäcke mit ihren feinen Anzügen. Diese ekelhaften Ansammlungen von Fettleibigen, Alkoholikern und Kettenrauchern entschieden über Wohl und Wehe der Menschen, um die sie sich kümmern sollten. Sie entschieden zwischen Kanapees und Piccolo darüber, wer gehen musste und wer bleiben durfte. Sie entschieden, welche Abteilungen Bestand haben würden und welche amputiert wurden wie ein wundbrandverseuchter Fuß. Nur, dass hier auch gesunde Gliedmaßen geopfert wurden.
An Tagen wie diesem hasste sie ihren Job. Ihrem Chef warf sie ein mitleiderfülltes Lächeln zu. Dieser arme, kleine Mann, der nicht mehr war als eine Marionette der Großaktionäre und Investoren. Das schlimmste für ihn war es wohl, dass er sich dieses Umstandes durchaus bewusst war. Selig sind die, die nicht wissen, wer sie manipuliert… Er wusste es nur zu gut. Und jede Entlassung war ein weiterer Dolchstoß in sein Herz. Jedes Gespräch mit einem Mitarbeiter. Jedes Kündigungsschreiben, unter das er seine Unterschrift setzte. Trauer um das Unternehmen, das er groß gemacht hatte, legte sich wie Stahlklauen um sein Herz. Und jetzt, wo seine treue Seele von Sekretärin ihn so fürsorglich anlächelte, griffen die Klauen fester zu. Wenigsten sie würde erstmal bleiben können. Er würde dafür kämpfen. Fast hätte er laut geseufzt – doch das hätte wohl für Irritationen gesorgt. Also schloss er nur kurz die Augen und konzentrierte sich dann wieder auf die, die so wenig zu sagen hatten und doch so viele Worte dafür brauchten.
Seine Sekretärin hatte alle mit frischem Kaffee, Wasser, Wein und Sekt versorgt und leise wieder den Raum verlassen. Die gute Seele…

Am Abend lag er mit schmerzendem Kopf auf seinem Bett und verfluchte den Tag. Die Dämmerung war nur noch ein dunkles Grau, das schon sehr bald zum Schwarz der Nacht werden würde. Immer wenn er die Augen schloss, sah er seine Sekretärin, die ihm aufmunternd zulächelte; sah er die Gesichter der Menschen, deren Leben er zerstören sollte. Unnötiger Weise. Das Unternehmen lief gut – und es brach ihm das Herz. Langsam holte der Schlaf seine Amok laufenden Gedanken ein und ließ ihn in unruhige Träume fallen. Träume von Gesichtern, Kindern ohne Perspektive und Arbeitern ohne Hoffnung. Es war so frustrierend.

Lächelnd empfing sie ihn am nächsten Morgen. Fragte besorgt, ob er nicht gut geschlafen habe. Was sollte er schon sagen? Die traurige Wahrheit? Wieder ein Tag, an dem sich die Schreiben mit den Forderungen der Aktionäre und Investoren auf seinem Schreibtisch stapelten. Manchmal wünschte er sich nichts sehnlicher, als Robin Hood zu spielen. Doch das konnte er nicht tun. Wenn er die Geldgeber verärgerte, dann würden mehr arbeitslos werden als jetzt – dann wäre die Firma pleite. Es klopfte. Seine Sekretärin kam herein und schaute ihn ruhig an. „Schauen Sie mal…“, flüsterte sie fast und reichte ihrem Chef eine Abschrift der neuen Verträge. „… so geht im Todesfall zwar das Anteilsrecht an die Erben, nicht jedoch das Stimmrecht…“ stand da. „Was…“, murmelte er erschrocken. „Sie haben es alle unterschrieben. Keiner hat auch nur mit der Wimper gezuckt…“ Sie lächelte ihn an. „Aber… wer hat es reingeschrieben?“ fragte er verwirrt. Doch sie lächelte nur weiter. „Oh, das scheint mir aus Versehen hineingeraten zu sein. Aber Chef, wenn es nun so von allen unterschrieben ist…“ Aus dem Lächeln wurde ein breites und zufriedenes Grinsen. Langsam verstand auch er. „Also müssen wir nur noch abwarten, bis die alten Säcke…“, dämmerte es ihm. „Oder wir helfen nach…“ erwiderte sie.

© 2008 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
19.5.08 12:49
 


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