Madness reigns


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Tarot – Geschichten : VII – Der Wagen

VII – Der Wagen


I don’t know where I’m going
But, I sure know where I’ve been
Hanging on the promises
In songs of yesterday
And I’ve made up my mind
I ain’t wasting no more time
But, here I go again
Here I go again


Whitesnake dröhnten aus dem Radio. Der Song war – wie immer – herzerweichend, berührte ihr Innerstes und gab ihr doch den nötigen Schub, endlich voran zu gehen. Also drehte sie den Zündschlüssel, warf einen letzten Blick zurück auf das Haus, das sie „Zuhause“ genannt hatte. Dachte an die Liebe, die sie hier erfahren hatte – und an den Schmerz, die Verzweiflung und den Hass. War es richtig, zu gehen? Zu fliehen? Einen kurzen Augenblick lang schoss sie die Augen. Dann fuhr sie los. Immer weiter die verschneite Straße entlang, die durch den Wald führte. Die Morgendämmerung setzte langsam ein, aber an einem Sonntag interessierte das kaum jemand. Die Strecke – ohnehin wenig befahren – war nun verwaist. Sie zog die ersten und einzigen Spuren in den frischen Schnee. Tränen rannen über ihr Gesicht, während sie weiter dem Song lauschte und sich Bilder aus der Vergangenheit ins Gedächtnis rief.
Es war besser so. Vor ihr auf der Straße stand ein Reh und blickte erschrocken in die blendenden Scheinwerfer. Vorsichtig trat sie auf die Bremse, um nicht die Kontrolle über das Auto zu verlieren.
Kontrolle – das war das wichtigste überhaupt. Niemals die Kontrolle verlieren. Und doch hatte sie sie so gründlich verloren, dass ihr nun nichts anderes als die Flucht ins Unbekannte blieb. Müde legte sie den Kopf auf das Lenkrad. Wo wollte sie eigentlich hin? Hier konnte nicht der Weg das Ziel sein – niemals. Ihr Zuhause hatte sie verlassen. Allerdings hatte sie es schon lange Zeit zuvor verloren. Es war zu einer kalten Höhle geworden. Sie musste weiter. Langsam und vorsichtig fuhr sie wieder an, immer darauf bedacht, den Halt nicht zu verlieren. Weniger Kilometer weiter wurde sie unruhig. Irgendetwas lenkte ihre Aufmerksamkeit ab. Im Wald sah sie ein Licht. Ein Irrlicht? Langsam bremste sie ab und beobachtete das Licht. Es stand starr, es bewegte sich nicht. Im Schnee glaubte sie die Umrisse einer Hütte zu erkennen. War dort ein Haus? Nie zuvor wäre es ihr aufgefallen. Wie in Trance drehte sie den Zündschlüssel und zog ihn aus dem Schloss. Als sie die Tür des Wagens öffnete, blies ihr kalter Wind ins Gesicht und sie zog ihre Jacke fester um sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Das icht schien kurz zu flackern, dann stand es wieder still. Es war dumm, in der Dämmerung in den Wald zu gehen, um einem unbekannten Licht zu folgen – das war ihr klar. Aber der Drang, zu sehen, was dort war, war umso größer. Die Schritte im immer tiefer werdenden Schnee fielen ihr schwer. Immer wieder sackte sie in ein unsichtbares Loch. Doch das Licht zog sie an, als wäre sie eine Motte in Dunkelheit. Tatsächlich war dort ein Haus. Vielmehr eine Hütte. Das Licht blieb ruhig. Die Tür war nur angelehnt, dennoch klopfte sie, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, die auch ausbliebt. Vorsichtig schob sie die Tür auf und betrachtete das karge Innere der Hütte, die nur aus einem Raum zu bestehen schien. Das Licht ging nicht von einer Lampe aus, auch nicht von dem leeren, kalten Kamin. In der Mitte des unnatürlich groß scheinenden Raumes leuchtete es aus dem Boden. Misstrauisch näherte sie sich der Lichtquelle. Erstaunt atmete sie aus, als sie das Loch im Boden betrachtete. Es war mit einer metallisch glänzenden Flüssigkeit gefüllt, in der sich ihr durch ihren eigenen Atem verzerrtes Bild spiegelte. Mühsam widerstand sie dem Drang, die Hand in die Flüssigkeit zu tauchen. Wenn es denn eine Flüssigkeit war. Rund um das Loch im Boden waren seltsame Zeichen geritzt. Das einzige, das sie entziffern konnte war „Schild des Gralweges“. Was sollte das sein? Abenteuerlust stieg in ihr auf. Gral - das sagte ihr etwas. Aber was sollte das alles hier? Neugierig schaute sie sich in der Hütte um, die ansonsten absolut leer zu sein schien. Im Kamin lag kalte Asche. Mit dem Finger fuhr sie durch die grauen Überreste eines Feuers. Der Gral. Sie zeichnete Schlangenlinien in die Asche und wandte sich wieder dem Loch im Boden zu. Das Leuchten schien stärker zu werden und sie beugte sich erneut hinüber. Doch dieses Mal sah sie nicht in ihr eigenes, verzerrtes Antlitz, sondern große, leuchtende Augen schauten sie an. Ein Flüstern, ein Wispern. Gedanken an ihr Leben, Erinnerungen an ihre Liebe, Fetzen von Gesprächen, Streits, Wut, Hass flogen durch ihren Kopf. Ihr wurde schwindelig. Das Wispern hielt an. Komm auf den rechten Weg… So leise, so eindringlich. Was war der richtige Weg. Sie verlor den Gleichgewichtssinn, ging in die Knie. Draußen knirschten Schritte im Schnee. Sie musste weg hier. Fort… ihre Hand glitt in das flüssige Metall. Fast hätte sie aufgeschrieen und doch war das Gefühl so angenehm. Sie ließ sich hineingleiten, als sich die Tür der Hütte öffnete und verschwand.

© 2008 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
23.3.08 11:56
 


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