Madness reigns


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Tarot – Geschichten : V – Der Hohepriester

V – Der Hohepriester

Es war still geworden in diesen „heiligen“ Hallen. Um diese Uhrzeit trieb sich niemand mehr im Gebäude herum und selbst die fleißigsten Studenten brüteten nun zu Hause weiter über ihren Büchern. Die Notbeleuchtung warf müde Lichtschimmer auf den polierten Fußboden. Die Heimstatt des Wissens war wie leer gefegt. Er zog seine einsamen Runden über das Gelände. Vielleicht hätte er Hausmeister werden sollen… oder in anderen Zeiten vielleicht Nachtwächter. Bim…bim…bim… hört ihr Leute, hört mich sagen… die Uhr hat 12 geschlagen… Der Gedanke brachte ihn zum Schmunzeln. Aber nur für einen kurzen Moment – dann beherrschte wieder die kühle Strenge sein Gesicht, die seine Studenten so gefürchtet hatten. Die Philosophie. Die Metaphysik. Der Glaube. Das alles waren seine Gebiete gewesen, in denen er immer wieder mit allzu kritischen Fragen seine Studenten ans Grübeln gebracht hatte. Er hatte sie hinterfragen lassen, was es auch immer auf der Welt zu hinterfragen gab. Er hatte sie zweifeln lassen und sicherlich auch so manchen verzweifeln lassen. Am Ende auch sich selbst. Weder sein Zweifel, noch sein unerschütterlicher Glauben hatten das Unheil, das sein Leben überschattet hatte, verhindern können. Im Glauben war er blind gewesen und hatte auf Fügung gehofft. Im Zweifel war er verbittert und hatte mit böser Zunge all das zerstört, was noch heil war. Was ihm erst viel später klar geworden war: Vertrauen hatte er zu keiner Zeit gehabt. Heute wusste er, dass ein Mensch vertrauen musste. Sich selbst in erster Linie – aber nicht zu letzt auch den eigenen Lieben. Je härter das Schicksal ihn strafte, desto mehr begegnete er der Welt mit Misstrauen – ja, oft sogar den Menschen mit Missgunst. Schwäche tolerierte er nicht. Und weil er dort, wo er sie nicht verhindern konnte, die Augen vor der Schwäche verschloss und wie ein Kleinkind glaubte, was man nicht sehen kann, sei nicht da. Wie sehr hatte er sich geirrt. Wie weit entfernt lagen Wahrheit und Sinn? Keine Wissenschaft hatte ihm Trost gespendet. Nachdem seine Frau, seine Kinder, seine Eltern, seine Freunde gestorben waren, hatte er erneut Zuflucht im Glauben gesucht. Einem mitleiderfüllten Glauben der Verzweiflung. Die Zweifel hatten in verzweifeln lassen. Doch der kalte, dogmatisierte und sterile Glauben, den er gefunden hatte, hatte sein Leid nicht lindern können. Der Ausweg war ihm so einfach erschienen.

Und nun musste er erkennen, dass kein Ausweg jemals einfach war. Keine Flucht verhieß das Heil der Erlösung. Wie die Dämmerung die Nacht beiseite schob und dem hellen, klaren Tageslicht den Weg bereitete, so dämmerte es ihm im Geist. Kein Glaube, keine Wissenschaft würde ihm jemals Seelenfrieden geben.

Mit müden und bewölkten Augen schaute er in eine der Vitrinen. Darin befand sich ein Zeitungsartikel. Sein eigenes Bild – in jüngeren Jahren – blickte ihm entgegen. Und zugleich legte sich sein eigenes, altes, verbrauchtes Spiegelbild über die alte Fotografie. In diesem Moment war er jung. Und er war alt. Und hoch über ihm strahlte ein Licht. Die Vergangenheit in der Vitrine. Die Gegenwart, die erkannt hatte, dass man Wahrheit und Friede nur in sich selbst finden konnte und niemals in der Welt, in der man sie suchte, stand davor.
Und die Zukunft… sie strahlte über ihm, denn er hatte endlich verstanden.
Und während er dem Licht in die Zukunft folgte, ruhten seine Augen auf dem brüchig gewordenen Zeitungspapier „Professor der hiesigen Universität begeht auf dem Campus Selbstmord.“ Lange war es her – und nie hat jemand verstanden, was ihn trieb. Nicht einmal er selbst.

Bis jetzt.

© 2007 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
30.12.07 18:45
 


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