Madness reigns


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Medusa

Medusa

Hoch über der Stadt stand sie am Fenster und betrachtete die Menschen, winzig wie Insekten, die hin und her eilten. Scheinbar planlos ihrer Wege gingen und doch so selten einander wahrnahmen. Sie eilten durch die mal engen, mal breiten Straßen. Durch Gassen und über breite Fußwege. Keiner wusste von dem, was ihnen bevorstand. Niemand hatte eine Ahnung, wessen Augen sie beobachteten. Gierig suchten ihre Augen die Straßen ab. Bald… sehr bald.
Langsam verschwand die Sonne hinter den Häusern, die noch eine zeitlang ihre langen, finsteren Schatten warfen, bevor die Stadt sich in ein Kleid aus Finsternis hüllte. Im Vollmond glitzerte manchmal silbernes Licht auf den Glasfassaden – doch es war Neumond und die Nacht so finster, wie eine Nacht in der Zivilisation nur sein konnte.
Sie reckte sich und spannte ihre Muskeln an, wie eine Katze, die kurz davor stand, einen gefährlichen Sprung zu wagen. Doch nein – noch war es nicht so weit. Ihr Atem beschlug das Fenster und mit dem Finger zeichnete sie Muster in die winzigen Wasserperlen.
Langsam schlüpfte sie aus ihrer Kleidung und ging ins Bad. Den Blick in den Spiegel vermied sie – wie immer. Obwohl es sicher nichts gab, das nicht sehenswert gewesen wäre. In der Dusche ließ sie heißes Wasser über ihren durchtrainierten Körper laufen. Nichts ließ das Grauen erahnen, das sie in ihrem Inneren trug. Das heiße Wasser vermischte sich mit dem Salz ihrer nicht minder heißen Tränen und schaffte es dennoch nicht, die Finsternis ihrer Seele fortzuspülen.
Was hatte er ihr nur angetan? Warum hatte er sie so sehr verletzt? Es war, als würde noch jetzt jede einzelne Berührung auf ihrer Haut brennen. Er hatte sich in ihre Gedanken eingebrannt – und schlimmer noch – in ihre Seele. Würde sie jemals wieder Frieden finden können oder würden die Gedanken an diese eine Nacht, diese eine Dummheit, die sie begangen hatte, sie ihr Leben lang verfolgen? Aber was hieß schon Leben? Eigentlich war sie doch nichts anderes, als eine leere Hülle, ein Schatten ihrer selbst. Aber ein Schatten, der erfüllt war von Angst – und von Hass…

Das Handtuch, das sie um ihren nassen, triefenden Körper schlang, war weich wie die Umarmung eines Geliebten. Ein Schauer lief durch ihren Körper – und nein, es war kein angenehmer. Der Spiegel war beschlagen und hüllte ihren Körper so in einen Nebel, der sie für sich selbst unsichtbar machte. Ein Segen für ihr geschundenes Ich.
Langsam und ruhig kämmte sie ihre Haare. Haare, die schon so manchen Mann, der sein Gesicht in ihnen vergraben hatte, um den Verstand gebracht hatten. Aber auch das würde von nun an anders sein. Kein Mann würde je wieder ihre Haare oder sie selbst berühren. Oder doch? Ein winziger Hoffnungsschimmer bleibt – oder etwa nicht?

Nur Augenblicke, vielleicht aber auch Stunden später lag sie in ihrem Bett. Unter dicken Decken, dennoch fror sie erbärmlich. Ihr Körper schien das Geschehene einfach weg zittern zu wollen. Doch ohne Erfolg.
Die Gedanken blieben, die Bilder, die sich in ihren Kopf gebrannt hatten. Letztlich stand sie auf und beobachtete erneut die Straßen der Stadt. Wieder und wieder ging ihr durch den Kopf, welches Unheil sie anrichten würde. Spürte sie Mitleid? Zweifel? Nein – es musste sein. Sie hatte keine Wahl. Und auch wenn eine kleine Stimme ihr immer wieder zuflüsterte, dass jeder Mensch immer eine Wahl habe, egal was er tue, wischte sie sie immer wieder mit einem unwirschen Gedanken weg: „Ja, jeder Mensch. Nur ich nicht.“ War das nicht doch sehr von Selbstmitleid erfüllt? Solche Argumente? Die einzigen Argumente, die er eigenen Vernunft noch gegen den Wahnsinn blieben? Aber was war schon Vernunft? Was vernünftig? Ein Einzelner hatte es vermocht, ihr solches Leid anzutun. Ein Einzelner, dessen Wort mehr Gewicht hatte, als ihre Wunden. Sie habe es so gewollt. Sie hatten es so gewollt. Es war Zeit.

Die Nacht lag über der Stadt wie ein schwarzes Leichentuch. Und genau diesen Zweck würde die Finsternis heute erfüllen. Dunkelheit würde zum Deckmantel werden. Ein Mantel, der ihre Schmerzen bedecken würde. Ein Tuch, das Schweigen brechen würde.
Schnell zog sie sich an. Die schwarze Lederhose, ein schwarzes Baumwollshirt, eine schwarze, lederne Motorradjacke. Die Haare band sie zum Zopf zusammen. Dann noch der Griff unter das Bett. Die längliche Kiste schien mittlerweile förmlich nach ihr zu rufen.
Das Blitzen des Metalls faszinierte sie. Fast schon liebevoll strich sie eine der Klingen entlang. Ja – das war ihre Waffe heute. Sie war nicht groß – nur ein Dolch. Aber tödlich genug, wenn man sie einzusetzen wusste. Und sie tötete langsam. Qualvoll. Vorsichtig schob sie die Klinge in die Scheide zurück und griff nach einer Flasche, die eine klare Flüssigkeit enthielt. Die Klinge würde den Weg bereiten. Das Gift war die Botschaft. Jeder, der sie Lügnerin, Hure, Miststück oder was auch sonst genannt hatte, würde diese Botschaft spüren. Ein kaltes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie ihren eigenen Schatten betrachtete. Eine weibliche Figur, die Haare aufgewühlt von einem Windstoß – der Schatten zeigte das, was sie nun war: Medusa. So wie Medusas Schönheit vergangen war, würde auch die ihre vergehen. Sie schon den Giftdolch, auch Medusen-Dolch genannt – in ihren Gürtel und machte sich auf den Weg

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
29.12.07 20:58
 


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