Madness reigns


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Tarot – Geschichten : IV – Der Kaiser

IV – Der Kaiser

Die Sonne stand hell und glasklar am strahlend blauen Himmel. Doch die Luft war klirrend kalt und schien sich in die Haut zu schneiden. Die Tannen und Fichten wiegten sich sanft in einer leichten Brise und die reifbedeckten Gräser knirschten unter seinen Sohlen. Die klare Luft, frei von jedem Staubkorn, durchdrang jede Pore seines Körpers und flutete seine Lungen mit einem angenehmen Schmerz. Eine einzelne Wolke zog am Himmel entlang und er ließ seinen Blick auf dem weißen Fleck ruhen. Die Stille war herrlich. Kein Vogel, kein Waldtier, kein Mensch gab einen Laut von sich. Einzig sein eigener Atem erfüllte die Welt. Mit geschlossenen Augen und dem Gesicht zur Sonne gewendet stand er da und dankte den Göttern für diesen Tag. Zumindest so lange, bis wildes Geschrei ihn aus dem stummen Gebet riss und aufseufzen ließ. Es waren seine Söhne, die hier so herumlärmten und offensichtlich auf der Suche nach ihm waren.
Seufzend ließ er sich finden. Dabei hätte er lieber weiter seinen Gedanken und Träumen nachgehangen. Jeder einzelne aus seiner Brut begrüßte ihn mit einem Kniefall – und jeder hoffte, sein Erbe antreten zu können. Ach – dabei war keiner von ihnen gut genug. Keiner, der ihm das Wasser hätte reichen oder gar Ehre machen können. Sie alle waren schwache Geister. Konturlose Abbilder seiner selbst. Aber nein – so durfte er nicht von seinem eigenen Fleisch und Blut denken. Auch sie würden früher oder später dem Perfektionismus anheim fallen, dem er längst ergeben war.
Straff waren sein Leben und das seiner Nächsten organisiert. Die Arbeit zog sich wie ein roter Faden durch den Alltag. Manch einer mochte ihn für einen Herrscher halten, wenn er ihm das erste Mal begegnete. Doch das war er nicht und würde es – wenngleich er das nur mit einem gewissen, leisen Wehmut zugab – niemals sein. Und in gewisser Weise war er es doch. Er beherrschte die Mächtigen, weil nur er zu tun vermochte, was sie so sehr sehnten. Die Natur zu beherrschen, den Stein zu festigen und Feuer heißer brennen zu lassen, als es die Natur selbst konnte. Er baute ihre Denkmäler. Jedem einzelnen Herrscher der Welt. Und zugleich sich selbst hunderte. Denn auch wenn sie das Abbild und dem Wunsch eines anderen Mannes entsprachen – so waren sie doch durch seine Hand entstanden. Hatten sich erst durch seinen Willen formen lassen. Er bezwang Stein und Metall, um sie in überirdischer Schönheit wieder auferstehen zu lassen. Jedes seiner Werke war anders. Und doch hatte sie alles eines gemeinsam: Sie waren perfekt. Jedes einzelne strahle Harmonie aus, jedes einzelne Würde.
Mit ebenso großer Würde versuchten nun seine Söhne mit ihm zu sprechen. Mit ebenso großem Respekt wie er ihn stets für seine Monumente hatte, sprach der Älteste. „Vater, ein Edelmann wünscht, Euch zu sprechen. Er komme im Auftrag eines Herrschers jenseits eines Meeres im Süden und wünscht, dass Ihr, verehrter Vater, ihm in seine Heimat folgt, um dort seinem König einen Palast zu bauen. Vater… nicht irgendeinen Palast. Der König ist tot – er wünschte sich einen Totentempel von Eurer Hand!“
Stirnrunzelnd betrachtet er seine Söhne. Ein Bauwerk für einen Toten? Was für ein Frevel sollte das sein? Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg.
Im Dorf erwartet ihn der Edelmann mit fremdländischen Aussehen und sonnengegerbter Haut. Der Mann war wortgewandt und doch verstand man ihn schlecht, denn seine Stimme war nicht an diese Sprache gewöhnt. Von wunderlichen Dingen, Menschen und Zeremonien berichtet er. Und von seinem Herrscher, seinem Gebieter. Einem toten Mann, der noch immer ein Volk regierte, weil er nicht zur Ruhe kam. Kein Erbe wollte seinen Platz einnehmen. Kein Mann und keine Frau wollten den Thron des toten Leibs erklimmen. Ein Fluch – so sagte man, liege auf dem Mann, seinem Geschlecht, seiner Herrschaft. Stürme suchten das Land heim, Überschwemmungen und Dürren. Niemandem war es gelungen, den Elementen zu trotzen und dem Herrscher ein Haus der Ewigkeit zu bauen. Bis heute.
„Niemand, der seinen Platz einnehmen will, sagst du, Fremder?“ Der braungebrannte Mann schüttelte betrübt den Kopf. „Und das soll sich ändern, wenn ich ihm eine Heimstatt der Ewigkeit gebaut habe?“ Ratlosigkeit lag im Blick des Fremden, eine tiefe Ratlosigkeit, die besagt, dass niemand nach all den Problemen dazu bereit sein werde.
Der Baumeister aber lachte nur und befahl seinen Söhnen, die bald nicht nur in seine Fußstapfen der Perfektion treten sollten, sondern auch in die eines wahrhaftigen Herrschers.

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
29.12.07 17:52
 


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