Madness reigns


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Tarot – Geschichten : III – Die Kaiserin

III – Die Kaiserin


Müde drehte sie sich ein weiteres Mal im Bett herum. Was war das nur für ein Leben. Niemand drängte sie, niemand verlangte etwas von ihr. Jeder war froh, dass sie einfach nur da war. Viele Menschen hätten viel darum gegeben, ein solches Leben zu führen; aber eigentlich war es nur eins: Langweilig.
Wozu aufstehen? Um sich von hinten bis vorne bedienen zu lassen? Um nichts und immer wieder nichts zu tun? Ermüdend und langweilig – immer wieder langweilig.

Wobei es ja nicht so war, als gäbe es keine Regeln in ihrem Leben – die gab es mehr als genug. Zu viele eigentlich sogar. Man erwartete von ihr, dass sie sich nicht beschwerte, nicht murrte, niemals traurig war und immer der Etikette Genüge tat.
Auch wenn das keine unmenschliche Forderung war, bewirkte sie immer wieder das Gegenteil. Zu oft hatte ihr Vater sie zurecht weisen müssen. Zu oft hatte der gesamte Hof tuschelnd die Köpfe zusammengesteckt und über ihr ungebührliches Verhalten gelästert. Ob sie, das hatte sie einst einer der Vertrauten ihres Vaters gefragt, lieber auf einem Feld im Schlamm stehen und die Ernte, die einem unter den Fingern wegfaulte, einbringen wollte, während eine andere Frau neben ihr mehr tot als lebendig zusammen breche, weil eine Lungenkrankheit sie befallen habe. Ihre Antwort war kurz und knapp gewesen. So eindeutig, das niemand mehr an ihrer Wahrhaftigkeit zweifeln konnte. „Ja.“

Als Konsequenz hatte ihr Vater ihre Lehrer entlassen und neue, strengere, ältere Lehrmeister ins Haus geholt. Doch den gewünschten Erfolg erzielten auch sie nicht. Die innere Unruhe wollte nicht weichen. Erst ein dummer Zufall schaffte Abhilfe.

Dieser dumme Zufall bewirkte, dass sie morgens nicht mehr müde im Bett lag und mit gelangweiltem Grauen an das dachte, was der Tag ihr bringen mochte. Ein kleiner Zufall, der so viel veränderte.
Wieder hatte es geregnet und die Sonne schien vollends ihr Antlitz von der Welt und ihren Menschen abgewendet zu haben. Die Seuchenhäuser waren überfüllt. Die Heiler selbst krank. Die Feuchtigkeit dran in jedes Gebäude und ließ sich auch nicht von der irdischen Macht der Herrscherin und des Herrschers abhalten. Sie alle waren es leid, dem ständigen Tropfen zu lauschen. Nur ändern konnte es niemand. Mit jedem weiteren Tag wuchs die Ohnmacht der Menschen und die schlechte Stimmung erlangte jeden Tag einen neuen Höhepunkt.

Es hatte sie nicht abgehalten, doch nach draußen zu gehen. Ob sie jetzt im Garten nass wurde oder in ihrem Zimmer. Wen kümmerte das schon. Als der Regen ein wenig nachließ, ging sie und wanderte durch den kleinen Park, der das Anwesen ihrer Eltern umgab. Der Boden war rutschig und glatt. Einmal strauchelte sie, stieß einen erschreckten, schrillen Schrei aus, wurde aber aufgefangen. Ein alter Mann mit weißen Haaren und lehmbeschmiertem Gesicht lächelte ihr freundliche zu. „Das ist kein Wetter für eine Dame, um spazieren zu gehen.“ „Nein, es ist Wetter für niemanden, der nicht als Fisch geboren wurde“, erwiderte sie und der Alte lacht. „Junge Dame, manch einem kommt das Wetter gelegen. Mir zum Beispiel. Nur wenn der Boden nass ist, kann ich Lehm und Ton sammeln und einlagern, um später Vasen und Teller daraus zu machen, die eure Hofgesellschaft dann wieder zerschlagen kann.“ Es klang nicht die leiseste Spur der Verbitterung aus der Stimme des Alten. Er führte sie zurück zum Haus und machte sich dann wieder an seine ausgesprochen feuchte Arbeit. Einen kurzen Moment lang schaut sie ihm zu, dann holte ein Zofe sie ins Haus und rieb sie mit trockenen Tüchern ab.
Am späteren Nachmittag machte sie sich aber auf den Weg zur Werkstatt des Tonmeisters. Dort war es warm. Wärmer sogar als im Schlafgemach ihrer Mutter, die sehr viel Wert auf wohlige Wärme legte. Eigentlich war es sogar heiß. Ein schwerer Ofen brannte. Überall lagen fertige und halbfertige Teller und Becher herum. Vasen und Schalen. Ja – sogar Blumentöpfe. Und etwas, das sie zunächst erschrak. Ein Kopf. Ein menschlicher Kopf. Im Zurückweichen stieß sie an eine Vase auf einer Säule und brachte sie zu Fall. Durch das Scheppern aufgeschreckt stürmte der Alte in die Werkstatt und wollte schon lospoltern, fand aber kein böses Wort mehr, als er in das verstörte Gesicht der jungen Frau sah. „Entschuldigung“, stammelte sie. „Ich… ich wollte nicht…“ „Schon gut. Es ist nicht so schlimm. Es ist nur eine Vase. Wenn du mir das da kaputte gemacht hättest“, er deutete auf den Kopf, der sie so sehr erschreckt hatte, „wäre der Schaden größer gewesen.“ „Kann ich etwas tun, um das wieder gut zu machen?“ Mit ernstem Blick schaute sie den Alten an. Auch wenn sie schon das Abwiegeln erwartete und sich halb zum Gehen wandte - denn niemand würde jemals von ihre etwas wie Wiedergutmachung verlangen, egal wie sehr sie darauf bestand - gab der Alte ihre eine unerwartete Antwort: „Ja, natürlich. Hilf mir, eine neue Vase zu machen.“
Voller Verwunderung schaute sie den Tonmeister an. „Aber … ich kann doch gar nicht….“
„Dann lerne“, war die einzige Antwort, die der Alte für sie hatte. Und sie lernte.
Erschuf mit ihren Händen, die nie in ihrem Leben eine Arbeit verrichtet hatten, Werkstück um Werkstück. Und sie lernte. Lernte, wie gut es tat, die Früchte eigener Arbeit zu sehen, sie anfassen zu können. Lernte. Zuhören. Lernte lernen.

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
19.12.07 10:13
 


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