Madness reigns


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Tarot – Geschichten : II – Die Hohepriesterin

II – Die Hohepriesterin

Durch die Luft waberten Rauchschwaden. Weihrauch, Dammar. Es sollte den Geist beflügeln und in eine ruhige Stimmung versetzen. Draußen schwitzen die Leute auf der Straße schon, wenn sie nur atmeten; denn heißer Wüstenwind fegte über die Insel. Trocken und an den eigenen Kräften zehrend. Doch im Inneren des Tempels war es kühl. Angenehm und erfrischend. Entsprechend viele Menschen suchten Zuflucht im Inneren der Anlage. Ob nun nur wegen der Hitze oder auch wegen ihres Glaubens, an den sie plötzlich erinnert wurden – wer vermochte das schon zu sagen? Spielte es eine Rolle, warum sie kamen? Ja. Das tat es. Müde fielen der blassen Schönheit die Augen zu. Die Hitze machte ihr zu schaffen, obwohl sie keinen Fuß vor die Tür gesetzt hatte. Doch die Menschen brachten immer einen Teil der glühenden Sonne mit sich. Der Schweiß, die sonnengebräunte Haut. Es erschöpfte sie. Sie war kein Kind der Sonne.
Als sie die Augen wieder öffnete, war Sonne verschwunden und mit ihr viele Besucher des Tempels. Die Mondin stand hoch am Himmel. Voll und wunderschön blickte sie auf die Welt hinab. Eine Welt, die nun friedlich da lag. Eingehüllt in den Schlaf.
Die blasse Schönheit erhob sich von ihrem steinernen Thron und setzt vorsichtig die Füße auf den nun fast empfindlich kalten Boden. Die Stille umfing sie mit tiefer Traurigkeit. Zwei Wachen beobachteten sie mit finsterem Blick. Die beiden Männer waren ihr Schutz. Der Schutz vor der Welt. Und sie waren ihre Fesseln. Die Fesseln, die sie hier in diesem Gemäuer hielten und niemals würden entkommen lassen. Nur durch die Fenster konnte sie den Schatten sehen, den die alten Bäume im vollen Mondlicht auf den trockenen Boden warfen. Nie hatte sie einen Baum berühren können. Nur die Früchte durfte sie schmecken. Süß und reif. So wie die, die nun auf einem Tablett herein getragen wurden. Dienerinnen, die beschämt ihren Blick senkten, als sie die Schönheit der Priesterin sahen. Gehüllt in einen leichten Seidenstoff, gab sie auch viel ihrer Schönheit den Blicken preis. Störten die geifernden, gierigen Augen mancher Gläubiger sie? Nein. Denn niemals würde es auch nur einer wagen, sie zu berühren. So wollte es das Gesetz – welche Strafe würde es für denjenigen haben, der es brach?
Die Mondstrahlen streichelten sanft die Haut ihrer Priesterin. Heute war eine wichtige Nacht. Die Mondin würde sie auserwählen und zu ihrer obersten Dienerin machen. Doch bis dahin würde es noch einige Zeit dauern. Noch war die Nacht nicht fortgeschritten. Noch zeigte sich ein roter Schimmer am Horizont.
Sie bemerkte eine Präsenz, die fremd war. Mit gewohnter Leichtigkeit drehte sich die Priesterin um – um in ein paar strahlend blaue Augen zu schauen. Einen Moment schien es ihr die Kehle zuzuschnüren. Einen Moment stockte ihr Atem. „Ich bin der Hohepriester des Lichts. Diener der Sonne.“ Ein muskulöser, braungebrannter Oberkörper unterstrich mit einer angedeuteten Verbeugung die Ehrerbietung, die in der tiefen Stimme des Mannes klang. „Ich bin die künftige Hohepriesterin der Mondin. Dienerin der Nacht“, erwiderte sie ebenso ehrfurchtsvoll mit einem sachten Kopfnicken. Einen Moment lang schauten sie einander an. Schließlich bot der Sonnen-Priester ihr die Hand, um sie zu ihrem Thron zu geleiten, wartete, bis sie sich nieder ließ, um ihr dann von den köstlichen Früchten zu reichen. „Ohne die wärmende Kraft der Sonne wären diese Früchte bitter und hart.“ Versuchte er sie zu reizen? „Ohne die beruhigende Macht des Mondes würde kein Baum, kein Tier und kein Mensch die Ruhe und den Schlaf finden, den sie brauchen, um die Kraft zum Wachsen und Gedeihen zu sammeln.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Priesters. Ein Lächeln, das eines jeden Menschen Herz zu berühren vermochte. Und doch erstarb das Lächeln, als er in die Augen der Priesterin sah – und darin ertrank. Zäh lag Schweigen in der Luft – die Kluft, die Tag und Nacht trennte, lag zwischen ihnen und doch tat sie es nicht. Wenn Tag und Nacht sich nur an entfernten Enden sacht berühren durften, so konnten der Priester des Tages und die Priesterin der Nacht ihre Arme umeinander schlingen, sich spüren, riechen, schmecken. Kaum eine Frucht hätte süßer sein können, als ein Kuss. Keine Blume hätte zarter sein können, als eine liebevolle Berührung. Der volle Mond warf sein Licht in die Halle der Priesterin. Rein und klar – so wie der Geist einer Hohepriesterin sein sollte. Und obwohl dies die Nacht der Weihe war, bedeckte die große Mondin ihr Angesicht. Wolken zogen auf. Schnell und beängstigend dunkel. Doch er hielt sie in seinen Armen und alles war gut. Er führte sie, leitet sie. Und sie folgte ihm. Geduldig lernte sie zu nehmen. Geduldig gab sie. Sie liebten einander – innig und wahrhaftig. Er versprach ihr die Ewigkeit – und doch wusste sie, dass es nur ein flüchtiger Moment war. Aber manchmal konnte ein Moment genügend Kraft für die Ewigkeit geben. Das wusste sie – während die große Mondin die Wolken Tränen weinen ließ und nur manchmal hervorlugte, um ihre Tochter zu beobachten.
Stunden später – die Sonne begann die Nacht zu vertreiben, zerrten die Wächter den Lichtpriester hinfort. Er schwor und beteuerte. Seine Worte waren ehrlich – doch wahr waren sie nicht. Die Augen wurden ihr schwer und warme Traurigkeit umfing sie; und doch war ihr Herz leicht und unbeschwert. Sie würde ihn nie wieder sehen. Doch was war schon die Ewigkeit gegen einen kleinen Moment des Glücks?

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
11.12.07 21:53
 


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