Madness reigns


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Tarot – Geschichten : I – Der Magier

I – Der Magier


Das Publikum applaudierte frenetisch. Was hätte es auch anderes tun sollen? Wieder einmal war die Illusion perfekt gewesen. Die Illusion, dass alles nur eine Illusion war. Woher hätten diese armseligen Kreaturen es auch besser wissen sollen? Woher hätten sie es wissen sollen, dass das, was er ihnen zeigte, wahre Magie war? Abend für Abend verkaufte er sich und seine Gabe für einen Hungerlohn. Und mit jedem Abend wuchs die Wut. Mit jedem Abend wuchs der Hass auf diese seelenlosen Kreaturen, die nur danach hungerten, unterhalten zu werden. Konsum, Fressen, Saufen, Illusion. Immer wieder dasselbe Spiel. Zählte seine Gabe? Zählte es, dass er sie fesseln konnte? Sie lachten über ihn. Den „Zauberer“. Den Illusionisten, der mit billigen Tricks, die jeder durchschauen konnte, die seichte Unterhaltung zu den noch seichteren Gesprächen bot.
Heute würde ihnen das Lachen vergehen.
Die Jungfrau, die in Wahrheit die nicht mehr so ganz jungfräuliche Tochter des Besitzers war, schwebte. Er schlang einen Reifen um ihren Körper um zu zeigen, dass sie nicht an irgendwelchen Bändern hing. Die verbrauchte Schönheit lächelte ihn an und flüsterte ihm etwas zu, das er nicht hören wollte. Nein, nicht schon wieder. Nicht heute Nacht. Auch wenn die „Ich sag’s Daddy“ – Drohung in jeder ihrer so lieblos vorgetragenen Bitten mitschwang. Nicht heute Nacht. Er hatte zu tun. Seine Augen griffen nach einer jungen Frau – oder einem Mädchen – wer vermochte es schon so genau zu sagen, die an einem der vorderen Tische saß. Ihre grünen Augen hingen an den seinen, während er eine unsichtbare Hand um ihre Brust legte und den Atem aus ihr presste. Gleichzeitig versetzte er den anderen Gästen, die ihre fettigen Finger an den Tischtüchern abwischten, unter den Tischen mit den Frauen ihrer Chefs füßelten und viel zu junge Mädchen im Arm hielten, einen Energiestoß, der manchem die Tränen in die Augen trieb. Einem Mann schoss Blut aus der Nase. Einem anderen quollen die Augäpfel aus den Höhlen hervor. DAS war wahre Magie. Mit der Stimme seines Geistes rief er sie alle an. „ICH WILL, DASS IHR MIR ZUHÖRT!“ Ein kollektives Stöhnen ging durch die Menge. Die schwebende Jungfrau bekam Panik und begann in der Lust zu zappeln. Mit einem Lächeln dachte er bei sich, dass sie aussah wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber er wollte nur, dass man ihm zuhörte. Einmal nur wollte er, dass man auf seine Stimme hörte.
Doch dann stockte ihm der Atem. Hatte er denn etwas zu sagen? Er könnte sein Gabe hier und jetzt missbrauchen, egoistisch sein und sie zwingen, zuzuhören. Doch was ist es wert, wenn etwas unter Zwang geschieht? Was ist ein Geständnis wert, wenn es unter Zwang abgelegt wird. Was ist eine Liebe wert, zu der man gezwungen wird? Sein Blick wanderte zu Papas Töchterchen, die mehr und mehr zappelte und doch nicht vom Fleck kam. In ihren Augen sah er die Erkenntnis. Sie wusste, dass die Magie echt war. Und sie wusste, dass ihr Leben eine Lüge war. Dabei war sie die einzige hier, die er nicht mit seinem Bann belegt hatte. Sie hatte seine Stimme gehört. Obwohl er nicht zu ihr gesprochen hatte. Und während sich ihre Blicke kreuzten, flüsterte sie ihm diese Erkenntnis zu: „Tu es nicht.“
Was war es wert, Gutes zu erreichen, wenn man Zwang als Saat nahm?
Er wirkte einen leichten Zauber, ließ sie alle schlafen. Einzig seine erzwungene Bettgenossin ließ er, wo und wie sie war. Langsam und behutsam ging er auf sie zu, nahm ihre Hand, die sie – trotz allem, trotz dessen, was sie sah, trotz des Zwangs, dessen sie sich bewusst war, den sie auf ihn ausgeübt hatte, trotz allem – vertrauensvoll in seine Hand legte. Das Lächeln war echt. Ebenso wie das gewisperte „Danke.“ Er half ihr vorsichtig auf die Beine, die ihr wegzuknicken drohten. Ein eilig herbei gezogener Stuhl brachte ihr Halt. Starr schaute sie ihm ins Gesicht. „Das hast du nicht nötig.“ Was hätte er darauf schon sagen sollen? Verzweiflung und Zweifel übermannten ihn. Ihr Blick glitt zur Tür, ihr Kopf deutete ihm sanft die Richtung. „Geh deinen Weg.“

© 2007 by Dana Brixia
10.12.07 21:42
 


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