Madness reigns


  Startseite
    Infos
    Kurzgeschichten
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


http://myblog.de/danabrixia

Gratis bloggen bei
myblog.de





Tarot – Geschichten : 0 - Der Narr

0 – Der Narr.



Es war bitterkalt in der Stadt. Weißer Atem stieg aus den Mündern und Nasen derer empor, die jetzt noch unterwegs waren. Manches Fenster war hell erleuchtet – andere finster, wie die herannahende Nacht. Sein Blick schweifte an den Fassaden der Häuser empor. Lichter spiegelten sich in dem kalten Glas, hinter dem Büros und Geschäftsräume lagen. In manchen drang auch das Licht von innen nach außen. Wer mochte jetzt noch arbeiten? Vermutlich diejenigen, die er dazu antrieb, immer mehr zu leisten – für immer weniger Geld, dachte er hämisch und ein schiefes Grinsen huschte über das sonst so starre Gesicht. Den Stolz, der ihn erfüllte, konnte er kaum verbergen. Er hatte es geschafft. Seine Eltern – Gott möge sie selig haben – hatten immer wieder jedem, der es hören wollte, oder auch nicht – erzählt, dass ihr Sohn es zu etwas bringen würde. Ihr Sohn habe großes in seinem Leben vor! Ihr Sohn würde es weit bringen. Wie weit, das hatten sie sich wohl nie vorstellen können. Als Politiker oder Geschäftsführer hatten sie ihn gesehen. Ihm alles ermöglicht, was dafür nötig war. Schule, Studium, Kurse in Rhetorik und Menschenführung. Alles – einfach alles hatten sie für ihn getan. Aber was hatte es ihnen gebracht? Einen frühen Tod. Sie hatten ihr Leben für seines aufgeopfert und am Ende war nichts mehr für sie geblieben.
Aber er hatte ihren Traum gelebt. Lebte ihn heute, mit jedem Atemzug. Oh ja – die Macht durchströmte ihn mit jedem Tag stärker. Wer würde sich heute noch mit ihm anlegen. Wer würde es heute noch wagen, sich ihm in den Weg zu stellen?
Ein Bettler tat es. Ein Mann in schäbigen Lumpen. Genug Lagen übereinander angezogen, damit die Löcher in den einzelnen Stücken nicht weiter störten. Der Mann schaute ihn an.
„Was willst du?“ Doch der Bettler antwortete nicht, sondern schaut ihn nur weiter ruhig und gelassen an. „Was willst du, frage ich dich! Kannst du nicht antworten? Weißt du nicht, wer ich bin?“ Der Bettler kniff die Augen zusammen und nickte in lähmender Langsamkeit. „Dann weißt du sicher auch, dass du mir nicht den Weg versperren solltest, alter Mann! Sonst findest du dich schneller in einem Grab wieder, als du denken kannst!“ Diese Drohung aus dem Munde des wohl mächtigsten Mannes der Stadt beeindruckte den Bettler nicht im Geringsten. „Jetzt geh, du Abschaum!“ Doch der Alte bewegte sich nicht.
„Es scheint, dass du doch nicht weißt, wer ich bin…“ Der Bettler grinste schief. „Oh doch. Das weiß ich. Du bist ein unglücklicher Mann.“ „Wieso solle ich unglücklich sein? Meine Organisation versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Kein Mann, keine Frau, kein Kind, das mich nicht kennt und fürchtet.“ „So wie deine eigene Frau dich fürchtet?“ „Sie fürchtet mich nicht. Ich bin gut zu ihr.“ „Ist sie es auch zu dir?“ Provozierend schaute der Bettler ihn an. „Was willst du damit sagen?“ Wieder ein Grinsen. „Nichts. Weißt du… du erinnerst mich an jemanden, den ich mal kannte. Jemanden, der viel Geld hatte. Viel Macht. Eine schöne Frau, die ihm zu Füßen lag…. Wenn sie nicht gerade jemand anderem zu Füßen lag. Braven Kindern, die nicht seine waren. Mitarbeitern, die kuschten, wenn sie ihn nur sahen…. Und wenn sie ihn nicht sahen, an seinem Stuhl sägten. Du – mein Lieber – bist ein unglücklicher Mann. Denn du hast etwas, das dieser Mann nicht hatte: Verstand. Du siehst all das, was um dich herum passiert. Du weißt, dass deine Frau jetzt gerade nicht sehnsüchtig auf dich wartet, sondern mit deinem besten Freund vögelt. Sie setzt dir täglich Hörner auf. Du weißt, dass sie die Pille nicht abgesetzt hat, so wie du es wolltest, weil du Kinder willst. Sie will keine – und das weißt du. Sie wird immer die Trauben den Rosinen vorziehen… Deine beiden Assistenten wirtschaften in die Tasche, aber auch das weißt du. Sie nagen an deinem Stuhl und versuchen, dich von den Füßen zu holen, um dich wie Raubtiere zu zerfleischen. Und dennoch verschließt du vor all dem die Augen und gibst vor, glücklich und zufrieden zu sein. Frei wie ein Schmetterling. Und doch bist du nur eins: Ein Narr.“
„Was nimmst du dir eigentlich heraus? Du…“ „Dann widersprich mir…“
Die beiden starrten einen Moment lang an. „Was rätst du mir, alter Mann?“ „Was willst du denn?“ „Gücklich sein.“ „Dann sei der Narr, für den sie dich alle halten. Spiele ihr Spiel. Sei unbesorgt und unbekümmert.“ Verwirrt schaute der Mann den Alten an, doch der lachte nur. „So oder so – der Narr bist du immer. Dein Leben wird nicht ewig so weiter gehen, wie bisher. Sie alle arbeiten an deinem Sturz. Verhindern kannst du das nicht.“
Niesend verschwand der Bettler in einer Seitengasse und ließ den eben noch so stolzen Mann zurück. Einen Moment lang schloss er die Augen. Ein stechender Schmerz begann sich von der Stirn aus in seinen Kopf zu bohren. Seine Hand strich über das Holster an seiner Seite und den Griff der Waffe. Es könnte schnell gehen. Doch dann… nein. Der Alte hatte Recht. Er war der Narr und würde es immer bleiben.
Doch wie oft regierten die Narren alle anderen, ohne dass diese es bemerkten?

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
9.12.07 12:13
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung