Madness reigns


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Vater

Vater

Sie rannte und rannte. Angstschweiß rann ihr über die Stirn in die Augen. Wenn sie doch nur wüsste, wo sie war! Panisch schaute sie über ihre Schulter nach hinten und sah nichts als Schwärze.
Einzig das Parkhaus, das nur noch wenige Meter vor ihr in den Abendhimmel ragte, war beleuchtet und schien sie mit den erleuchteten Stockwerken willkommen zu heißen.
Die Angst schwang um in Panik und kroch ihr wie ein Insekt über den Rücken, um sich dann wie eine Schlinge um ihren Hals zu legen. Es würgte sie, doch sie schaffte es in das Neonlicht des Parkhauses zu stolpern. Doch das Grauen, das ihr solche Angst machte, ließ sie dennoch nicht los und all ihre Instinkte schrieen ihr förmlich entgegen, dass sie einen Fehler begangen habe und dass hier nichts so war, wie es zu sein schien.
Gehetzt suchten ihre Augen die Umgebung ab. Es war hell hier, weder kalt noch warm. Und doch stimmte etwas nicht. Keine Autos. Hechelnd wie ein Hund rannte sie die Rampe zum nächsten Parkdeck hoch – doch auch hier – nichts… Weiter und immer weiter wand sie ihren Weg nach oben. Bis sie Stimmen hörte. Kinderstimmen. Die nächste Rampe und sie sah, was hier nicht stimmte. Das hier war kein Parkhaus! Es war ein Waisenhaus. Oder nein?! Doch – es war ein Parkhaus. Aber warum standen hier statt Autos doppelstöckige Kinderbetten in den Parklücken? Eins neben dem anderen – keine Parklücke war frei. Die Schlinge der Angst schnürte sich fester um ihre Kehle und eine dunkle, eine finstere Ahnung machte sich in ihrem Inneren breit. Das konnte nicht sein…
Sie schaute in die leeren Gesichter der Kinder, die wohl alle ihr Schicksal kannten und mit einer gleichmütigen Ruhe hinnahmen, wie sie wohl nur Kinder haben konnten. Eines der scheinbar seelenlosen Wesen schüttelte sie, doch es reagierte nicht. Irgendwo hörte sie ein verstörtes Wimmern. Ihr Blick schweifte durch das Parkdeck und sie ertrug die Gleichgültigkeit nicht länger und rannte höher. Doch auch auf dem nächsten Deck bot sich ihr der Selbe Anblick. Etagenbetten in Parklücken, Kinder in den Betten. Ausdruckslosigkeit. Egal wie hoch sie in dem Gebäude angelangte, immer wieder dasselbe Bild. Grauen packte sie mehr und mehr – sie wollte helfen. Diesen namenlosen Wesen, die hier saßen, schlafen, mit offenen Augen träumten, helfen. Doch wie? Jemand – oder etwas? – verfolgte sie; das spürte sie seit geraumer Zeit. Mehr und mehr dämmerte ihr, was das hier war. Kein Heim… es war ein Stall. Eine Vorratskammer. Eine nahezu unerschöpfliche Quelle an frischem, jungem Blut. Und was sie verfolgte, was nichts anderes als ein… „VAMPIR!“, brüllte ihr jemand entgegen. Hier und da sah sie Gestalten durch die Bettenreihen huschen. Plötzlich erlosch die Neonbeleuchtung und Dunkelheit umfing sie erneut. Dann nahm sie den Schein von Fackeln wahr. Einige Menschen – erwachsene Menschen – huschten durch die Gänge. Hier und da weinte ein Kind. Plötzlich war ein schriller Schrei zu hören. Ein Todesschrei. Aber kein menschlicher. Grauen umfing ihre Seele erneut und schien das Leben und den Glauben aus ihr heraus pressen zu wollen. Dann hörte sie das Prasseln. Bei aller Güte… es brannte. Jemand hatte das Gebäude in Brand gesteckt! Die Kinder! Sie mussten raus hier! Alle raus! Sie rüttelte die nächst besten Kinder aus ihrer Trance und brüllte sie an, dass sie fliehen müssten. Langsam, gerade so, als würde eine Eisschicht von ihnen abbröckeln, bewegten sich die Kleinen erst langsam, dann immer schneller. Panik brach aus und die anderen Erwachsenen, die hier waren, um zu helfen, lotsten die Kinder nach unten – ins Freie. Hinter sich hörte sie ein widerwärtiges, schmatzendes Geräusch. Nein, bloß nicht umdrehen, schrie ihr Verstand ihr entgegen, doch der Reflex war stärker. Ein Wesen, nicht Mensch, nicht Tier stand über eines der Betten gebeugt und saugte am Hals eines Kindes, das bereits leblos in seinen Armen hing. NEIN! Ihr Magen rebellierte, ihr Verstand bäumte sich auf, gegen das, was sie sah. Wutentbrannt griff sie nach einer Fackel, die an ihr vorüber zu fliegen schien und rammte dem Wesen das brennende Pech in die Brust. Ein unmenschlicher Schrei hallte durch das Parkdeck und jemand rief ihr ein: „Gut gemacht“, zu. Doch gut fühlte sie sich nicht. Die Luft wurde immer heißer und stickiger – es war an der Zeit, aus diesem Inferno heraus zu kommen. Also rannte sie. Ließ ihre Füße den Weg bestimmen und rannte und rannte. Vorbei an schreienden Kindern, vorbei an Fackelträgern, die ihr ungläubig nachschauten. Warum diese Verwirrung. Sie ließ drei Parkdecks voller kleiner Betten hinter sich, bevor sie begriff: Sie rannte nach oben – weiter in die Flammenfalle hinein, anstatt nach unten, aus ihr heraus! Der Verstand befahl ihr umzukehren, doch sie lief immer weiter. Um sie herum begann sich das das Gebäude zu verändern. Mehr und mehr glich es einem alten Turm, und immer weniger dem Parkhaus, in das sie hinein gerannt war und das lichterloh brannte und unter ihr begann, zusammenzufallen. Immer höher, hinein in den Turm, der bedrohlich wankte. Keine Rampe mehr, sondern eine enge Wendeltreppe führte sie nun weiter empor. So lange, bis sie vor einer großen, schweren Holztür mit eisernen Beschlägen stand. Mühelos öffnete sie die Tür und betrat eine alte Bibliothek. Hier war der Brandgeruch vergessen und der modrige Duft alter Bücher und Pergamente hüllte sie ein, wie ein Neugeborenes eine Decke. Hier war sie sicher. Das Haus unter ihr brannte. Der Turm über ihr stürzte in sich zusammen, aber hier war sie sicher. Mit der Hand strich sie fast schon liebevoll und zärtlich über eines der Bücher, die aufgeschlagen auf einem schweren Holzschreibtisch lagen. Doch plötzlich begann sich die Atmosphäre in der Bibliothek zu verändern. Sie war nicht mehr allein. Misstrauisch und ängstlich drehte sie sich um und schaut in eine starre Maske, denn ein Gesicht konnte man dieses regungslose Antlitz nicht nennen, und alle Angst fiel von ihr ab. Dieses Wesen, der Vampir, der Mächtigste unter ihnen, öffnete seine Arme und sie sank gegen seine Brust. Ein Lächeln umfing ihre Lippen und bevor sie begann, sich an seinem Hals zu laben, flüsterte sie ein einziges Wort: „Vater.“

Schweißgebadet und den metallischen Geschmack von Blut im Mund wachte sie auf.
Es war weit nach Mitternacht und doch noch ebenso weit vom nächsten Tag entfernt. Ihr Herz klopfte, als wolle es zerspringen. Verstört schaute sie sich um, doch das Licht neben ihrem Bett zeigte nichts anderes, als ihr vertrautes Schlafzimmer.

Kommentar zu dieser Geschichte:
Diese „Geschichte“ ist nicht nur in der Geschichte ein Traum, sondern auch in der Realität. Diesen Traum hatte ich vor einiger Zeit – er verwirrt mich bis heute. Vielleicht hilft es, ihn aus den Traumbildern zu lösen und in Worte zu fassen.

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
30.12.07 14:40


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Medusa

Medusa

Hoch über der Stadt stand sie am Fenster und betrachtete die Menschen, winzig wie Insekten, die hin und her eilten. Scheinbar planlos ihrer Wege gingen und doch so selten einander wahrnahmen. Sie eilten durch die mal engen, mal breiten Straßen. Durch Gassen und über breite Fußwege. Keiner wusste von dem, was ihnen bevorstand. Niemand hatte eine Ahnung, wessen Augen sie beobachteten. Gierig suchten ihre Augen die Straßen ab. Bald… sehr bald.
Langsam verschwand die Sonne hinter den Häusern, die noch eine zeitlang ihre langen, finsteren Schatten warfen, bevor die Stadt sich in ein Kleid aus Finsternis hüllte. Im Vollmond glitzerte manchmal silbernes Licht auf den Glasfassaden – doch es war Neumond und die Nacht so finster, wie eine Nacht in der Zivilisation nur sein konnte.
Sie reckte sich und spannte ihre Muskeln an, wie eine Katze, die kurz davor stand, einen gefährlichen Sprung zu wagen. Doch nein – noch war es nicht so weit. Ihr Atem beschlug das Fenster und mit dem Finger zeichnete sie Muster in die winzigen Wasserperlen.
Langsam schlüpfte sie aus ihrer Kleidung und ging ins Bad. Den Blick in den Spiegel vermied sie – wie immer. Obwohl es sicher nichts gab, das nicht sehenswert gewesen wäre. In der Dusche ließ sie heißes Wasser über ihren durchtrainierten Körper laufen. Nichts ließ das Grauen erahnen, das sie in ihrem Inneren trug. Das heiße Wasser vermischte sich mit dem Salz ihrer nicht minder heißen Tränen und schaffte es dennoch nicht, die Finsternis ihrer Seele fortzuspülen.
Was hatte er ihr nur angetan? Warum hatte er sie so sehr verletzt? Es war, als würde noch jetzt jede einzelne Berührung auf ihrer Haut brennen. Er hatte sich in ihre Gedanken eingebrannt – und schlimmer noch – in ihre Seele. Würde sie jemals wieder Frieden finden können oder würden die Gedanken an diese eine Nacht, diese eine Dummheit, die sie begangen hatte, sie ihr Leben lang verfolgen? Aber was hieß schon Leben? Eigentlich war sie doch nichts anderes, als eine leere Hülle, ein Schatten ihrer selbst. Aber ein Schatten, der erfüllt war von Angst – und von Hass…

Das Handtuch, das sie um ihren nassen, triefenden Körper schlang, war weich wie die Umarmung eines Geliebten. Ein Schauer lief durch ihren Körper – und nein, es war kein angenehmer. Der Spiegel war beschlagen und hüllte ihren Körper so in einen Nebel, der sie für sich selbst unsichtbar machte. Ein Segen für ihr geschundenes Ich.
Langsam und ruhig kämmte sie ihre Haare. Haare, die schon so manchen Mann, der sein Gesicht in ihnen vergraben hatte, um den Verstand gebracht hatten. Aber auch das würde von nun an anders sein. Kein Mann würde je wieder ihre Haare oder sie selbst berühren. Oder doch? Ein winziger Hoffnungsschimmer bleibt – oder etwa nicht?

Nur Augenblicke, vielleicht aber auch Stunden später lag sie in ihrem Bett. Unter dicken Decken, dennoch fror sie erbärmlich. Ihr Körper schien das Geschehene einfach weg zittern zu wollen. Doch ohne Erfolg.
Die Gedanken blieben, die Bilder, die sich in ihren Kopf gebrannt hatten. Letztlich stand sie auf und beobachtete erneut die Straßen der Stadt. Wieder und wieder ging ihr durch den Kopf, welches Unheil sie anrichten würde. Spürte sie Mitleid? Zweifel? Nein – es musste sein. Sie hatte keine Wahl. Und auch wenn eine kleine Stimme ihr immer wieder zuflüsterte, dass jeder Mensch immer eine Wahl habe, egal was er tue, wischte sie sie immer wieder mit einem unwirschen Gedanken weg: „Ja, jeder Mensch. Nur ich nicht.“ War das nicht doch sehr von Selbstmitleid erfüllt? Solche Argumente? Die einzigen Argumente, die er eigenen Vernunft noch gegen den Wahnsinn blieben? Aber was war schon Vernunft? Was vernünftig? Ein Einzelner hatte es vermocht, ihr solches Leid anzutun. Ein Einzelner, dessen Wort mehr Gewicht hatte, als ihre Wunden. Sie habe es so gewollt. Sie hatten es so gewollt. Es war Zeit.

Die Nacht lag über der Stadt wie ein schwarzes Leichentuch. Und genau diesen Zweck würde die Finsternis heute erfüllen. Dunkelheit würde zum Deckmantel werden. Ein Mantel, der ihre Schmerzen bedecken würde. Ein Tuch, das Schweigen brechen würde.
Schnell zog sie sich an. Die schwarze Lederhose, ein schwarzes Baumwollshirt, eine schwarze, lederne Motorradjacke. Die Haare band sie zum Zopf zusammen. Dann noch der Griff unter das Bett. Die längliche Kiste schien mittlerweile förmlich nach ihr zu rufen.
Das Blitzen des Metalls faszinierte sie. Fast schon liebevoll strich sie eine der Klingen entlang. Ja – das war ihre Waffe heute. Sie war nicht groß – nur ein Dolch. Aber tödlich genug, wenn man sie einzusetzen wusste. Und sie tötete langsam. Qualvoll. Vorsichtig schob sie die Klinge in die Scheide zurück und griff nach einer Flasche, die eine klare Flüssigkeit enthielt. Die Klinge würde den Weg bereiten. Das Gift war die Botschaft. Jeder, der sie Lügnerin, Hure, Miststück oder was auch sonst genannt hatte, würde diese Botschaft spüren. Ein kaltes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie ihren eigenen Schatten betrachtete. Eine weibliche Figur, die Haare aufgewühlt von einem Windstoß – der Schatten zeigte das, was sie nun war: Medusa. So wie Medusas Schönheit vergangen war, würde auch die ihre vergehen. Sie schon den Giftdolch, auch Medusen-Dolch genannt – in ihren Gürtel und machte sich auf den Weg

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
29.12.07 20:58


Tarot – Geschichten : IV – Der Kaiser

IV – Der Kaiser

Die Sonne stand hell und glasklar am strahlend blauen Himmel. Doch die Luft war klirrend kalt und schien sich in die Haut zu schneiden. Die Tannen und Fichten wiegten sich sanft in einer leichten Brise und die reifbedeckten Gräser knirschten unter seinen Sohlen. Die klare Luft, frei von jedem Staubkorn, durchdrang jede Pore seines Körpers und flutete seine Lungen mit einem angenehmen Schmerz. Eine einzelne Wolke zog am Himmel entlang und er ließ seinen Blick auf dem weißen Fleck ruhen. Die Stille war herrlich. Kein Vogel, kein Waldtier, kein Mensch gab einen Laut von sich. Einzig sein eigener Atem erfüllte die Welt. Mit geschlossenen Augen und dem Gesicht zur Sonne gewendet stand er da und dankte den Göttern für diesen Tag. Zumindest so lange, bis wildes Geschrei ihn aus dem stummen Gebet riss und aufseufzen ließ. Es waren seine Söhne, die hier so herumlärmten und offensichtlich auf der Suche nach ihm waren.
Seufzend ließ er sich finden. Dabei hätte er lieber weiter seinen Gedanken und Träumen nachgehangen. Jeder einzelne aus seiner Brut begrüßte ihn mit einem Kniefall – und jeder hoffte, sein Erbe antreten zu können. Ach – dabei war keiner von ihnen gut genug. Keiner, der ihm das Wasser hätte reichen oder gar Ehre machen können. Sie alle waren schwache Geister. Konturlose Abbilder seiner selbst. Aber nein – so durfte er nicht von seinem eigenen Fleisch und Blut denken. Auch sie würden früher oder später dem Perfektionismus anheim fallen, dem er längst ergeben war.
Straff waren sein Leben und das seiner Nächsten organisiert. Die Arbeit zog sich wie ein roter Faden durch den Alltag. Manch einer mochte ihn für einen Herrscher halten, wenn er ihm das erste Mal begegnete. Doch das war er nicht und würde es – wenngleich er das nur mit einem gewissen, leisen Wehmut zugab – niemals sein. Und in gewisser Weise war er es doch. Er beherrschte die Mächtigen, weil nur er zu tun vermochte, was sie so sehr sehnten. Die Natur zu beherrschen, den Stein zu festigen und Feuer heißer brennen zu lassen, als es die Natur selbst konnte. Er baute ihre Denkmäler. Jedem einzelnen Herrscher der Welt. Und zugleich sich selbst hunderte. Denn auch wenn sie das Abbild und dem Wunsch eines anderen Mannes entsprachen – so waren sie doch durch seine Hand entstanden. Hatten sich erst durch seinen Willen formen lassen. Er bezwang Stein und Metall, um sie in überirdischer Schönheit wieder auferstehen zu lassen. Jedes seiner Werke war anders. Und doch hatte sie alles eines gemeinsam: Sie waren perfekt. Jedes einzelne strahle Harmonie aus, jedes einzelne Würde.
Mit ebenso großer Würde versuchten nun seine Söhne mit ihm zu sprechen. Mit ebenso großem Respekt wie er ihn stets für seine Monumente hatte, sprach der Älteste. „Vater, ein Edelmann wünscht, Euch zu sprechen. Er komme im Auftrag eines Herrschers jenseits eines Meeres im Süden und wünscht, dass Ihr, verehrter Vater, ihm in seine Heimat folgt, um dort seinem König einen Palast zu bauen. Vater… nicht irgendeinen Palast. Der König ist tot – er wünschte sich einen Totentempel von Eurer Hand!“
Stirnrunzelnd betrachtet er seine Söhne. Ein Bauwerk für einen Toten? Was für ein Frevel sollte das sein? Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg.
Im Dorf erwartet ihn der Edelmann mit fremdländischen Aussehen und sonnengegerbter Haut. Der Mann war wortgewandt und doch verstand man ihn schlecht, denn seine Stimme war nicht an diese Sprache gewöhnt. Von wunderlichen Dingen, Menschen und Zeremonien berichtet er. Und von seinem Herrscher, seinem Gebieter. Einem toten Mann, der noch immer ein Volk regierte, weil er nicht zur Ruhe kam. Kein Erbe wollte seinen Platz einnehmen. Kein Mann und keine Frau wollten den Thron des toten Leibs erklimmen. Ein Fluch – so sagte man, liege auf dem Mann, seinem Geschlecht, seiner Herrschaft. Stürme suchten das Land heim, Überschwemmungen und Dürren. Niemandem war es gelungen, den Elementen zu trotzen und dem Herrscher ein Haus der Ewigkeit zu bauen. Bis heute.
„Niemand, der seinen Platz einnehmen will, sagst du, Fremder?“ Der braungebrannte Mann schüttelte betrübt den Kopf. „Und das soll sich ändern, wenn ich ihm eine Heimstatt der Ewigkeit gebaut habe?“ Ratlosigkeit lag im Blick des Fremden, eine tiefe Ratlosigkeit, die besagt, dass niemand nach all den Problemen dazu bereit sein werde.
Der Baumeister aber lachte nur und befahl seinen Söhnen, die bald nicht nur in seine Fußstapfen der Perfektion treten sollten, sondern auch in die eines wahrhaftigen Herrschers.

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
29.12.07 17:52


Tarot – Geschichten : III – Die Kaiserin

III – Die Kaiserin


Müde drehte sie sich ein weiteres Mal im Bett herum. Was war das nur für ein Leben. Niemand drängte sie, niemand verlangte etwas von ihr. Jeder war froh, dass sie einfach nur da war. Viele Menschen hätten viel darum gegeben, ein solches Leben zu führen; aber eigentlich war es nur eins: Langweilig.
Wozu aufstehen? Um sich von hinten bis vorne bedienen zu lassen? Um nichts und immer wieder nichts zu tun? Ermüdend und langweilig – immer wieder langweilig.

Wobei es ja nicht so war, als gäbe es keine Regeln in ihrem Leben – die gab es mehr als genug. Zu viele eigentlich sogar. Man erwartete von ihr, dass sie sich nicht beschwerte, nicht murrte, niemals traurig war und immer der Etikette Genüge tat.
Auch wenn das keine unmenschliche Forderung war, bewirkte sie immer wieder das Gegenteil. Zu oft hatte ihr Vater sie zurecht weisen müssen. Zu oft hatte der gesamte Hof tuschelnd die Köpfe zusammengesteckt und über ihr ungebührliches Verhalten gelästert. Ob sie, das hatte sie einst einer der Vertrauten ihres Vaters gefragt, lieber auf einem Feld im Schlamm stehen und die Ernte, die einem unter den Fingern wegfaulte, einbringen wollte, während eine andere Frau neben ihr mehr tot als lebendig zusammen breche, weil eine Lungenkrankheit sie befallen habe. Ihre Antwort war kurz und knapp gewesen. So eindeutig, das niemand mehr an ihrer Wahrhaftigkeit zweifeln konnte. „Ja.“

Als Konsequenz hatte ihr Vater ihre Lehrer entlassen und neue, strengere, ältere Lehrmeister ins Haus geholt. Doch den gewünschten Erfolg erzielten auch sie nicht. Die innere Unruhe wollte nicht weichen. Erst ein dummer Zufall schaffte Abhilfe.

Dieser dumme Zufall bewirkte, dass sie morgens nicht mehr müde im Bett lag und mit gelangweiltem Grauen an das dachte, was der Tag ihr bringen mochte. Ein kleiner Zufall, der so viel veränderte.
Wieder hatte es geregnet und die Sonne schien vollends ihr Antlitz von der Welt und ihren Menschen abgewendet zu haben. Die Seuchenhäuser waren überfüllt. Die Heiler selbst krank. Die Feuchtigkeit dran in jedes Gebäude und ließ sich auch nicht von der irdischen Macht der Herrscherin und des Herrschers abhalten. Sie alle waren es leid, dem ständigen Tropfen zu lauschen. Nur ändern konnte es niemand. Mit jedem weiteren Tag wuchs die Ohnmacht der Menschen und die schlechte Stimmung erlangte jeden Tag einen neuen Höhepunkt.

Es hatte sie nicht abgehalten, doch nach draußen zu gehen. Ob sie jetzt im Garten nass wurde oder in ihrem Zimmer. Wen kümmerte das schon. Als der Regen ein wenig nachließ, ging sie und wanderte durch den kleinen Park, der das Anwesen ihrer Eltern umgab. Der Boden war rutschig und glatt. Einmal strauchelte sie, stieß einen erschreckten, schrillen Schrei aus, wurde aber aufgefangen. Ein alter Mann mit weißen Haaren und lehmbeschmiertem Gesicht lächelte ihr freundliche zu. „Das ist kein Wetter für eine Dame, um spazieren zu gehen.“ „Nein, es ist Wetter für niemanden, der nicht als Fisch geboren wurde“, erwiderte sie und der Alte lacht. „Junge Dame, manch einem kommt das Wetter gelegen. Mir zum Beispiel. Nur wenn der Boden nass ist, kann ich Lehm und Ton sammeln und einlagern, um später Vasen und Teller daraus zu machen, die eure Hofgesellschaft dann wieder zerschlagen kann.“ Es klang nicht die leiseste Spur der Verbitterung aus der Stimme des Alten. Er führte sie zurück zum Haus und machte sich dann wieder an seine ausgesprochen feuchte Arbeit. Einen kurzen Moment lang schaut sie ihm zu, dann holte ein Zofe sie ins Haus und rieb sie mit trockenen Tüchern ab.
Am späteren Nachmittag machte sie sich aber auf den Weg zur Werkstatt des Tonmeisters. Dort war es warm. Wärmer sogar als im Schlafgemach ihrer Mutter, die sehr viel Wert auf wohlige Wärme legte. Eigentlich war es sogar heiß. Ein schwerer Ofen brannte. Überall lagen fertige und halbfertige Teller und Becher herum. Vasen und Schalen. Ja – sogar Blumentöpfe. Und etwas, das sie zunächst erschrak. Ein Kopf. Ein menschlicher Kopf. Im Zurückweichen stieß sie an eine Vase auf einer Säule und brachte sie zu Fall. Durch das Scheppern aufgeschreckt stürmte der Alte in die Werkstatt und wollte schon lospoltern, fand aber kein böses Wort mehr, als er in das verstörte Gesicht der jungen Frau sah. „Entschuldigung“, stammelte sie. „Ich… ich wollte nicht…“ „Schon gut. Es ist nicht so schlimm. Es ist nur eine Vase. Wenn du mir das da kaputte gemacht hättest“, er deutete auf den Kopf, der sie so sehr erschreckt hatte, „wäre der Schaden größer gewesen.“ „Kann ich etwas tun, um das wieder gut zu machen?“ Mit ernstem Blick schaute sie den Alten an. Auch wenn sie schon das Abwiegeln erwartete und sich halb zum Gehen wandte - denn niemand würde jemals von ihre etwas wie Wiedergutmachung verlangen, egal wie sehr sie darauf bestand - gab der Alte ihre eine unerwartete Antwort: „Ja, natürlich. Hilf mir, eine neue Vase zu machen.“
Voller Verwunderung schaute sie den Tonmeister an. „Aber … ich kann doch gar nicht….“
„Dann lerne“, war die einzige Antwort, die der Alte für sie hatte. Und sie lernte.
Erschuf mit ihren Händen, die nie in ihrem Leben eine Arbeit verrichtet hatten, Werkstück um Werkstück. Und sie lernte. Lernte, wie gut es tat, die Früchte eigener Arbeit zu sehen, sie anfassen zu können. Lernte. Zuhören. Lernte lernen.

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
19.12.07 10:13


Tarot – Geschichten : II – Die Hohepriesterin

II – Die Hohepriesterin

Durch die Luft waberten Rauchschwaden. Weihrauch, Dammar. Es sollte den Geist beflügeln und in eine ruhige Stimmung versetzen. Draußen schwitzen die Leute auf der Straße schon, wenn sie nur atmeten; denn heißer Wüstenwind fegte über die Insel. Trocken und an den eigenen Kräften zehrend. Doch im Inneren des Tempels war es kühl. Angenehm und erfrischend. Entsprechend viele Menschen suchten Zuflucht im Inneren der Anlage. Ob nun nur wegen der Hitze oder auch wegen ihres Glaubens, an den sie plötzlich erinnert wurden – wer vermochte das schon zu sagen? Spielte es eine Rolle, warum sie kamen? Ja. Das tat es. Müde fielen der blassen Schönheit die Augen zu. Die Hitze machte ihr zu schaffen, obwohl sie keinen Fuß vor die Tür gesetzt hatte. Doch die Menschen brachten immer einen Teil der glühenden Sonne mit sich. Der Schweiß, die sonnengebräunte Haut. Es erschöpfte sie. Sie war kein Kind der Sonne.
Als sie die Augen wieder öffnete, war Sonne verschwunden und mit ihr viele Besucher des Tempels. Die Mondin stand hoch am Himmel. Voll und wunderschön blickte sie auf die Welt hinab. Eine Welt, die nun friedlich da lag. Eingehüllt in den Schlaf.
Die blasse Schönheit erhob sich von ihrem steinernen Thron und setzt vorsichtig die Füße auf den nun fast empfindlich kalten Boden. Die Stille umfing sie mit tiefer Traurigkeit. Zwei Wachen beobachteten sie mit finsterem Blick. Die beiden Männer waren ihr Schutz. Der Schutz vor der Welt. Und sie waren ihre Fesseln. Die Fesseln, die sie hier in diesem Gemäuer hielten und niemals würden entkommen lassen. Nur durch die Fenster konnte sie den Schatten sehen, den die alten Bäume im vollen Mondlicht auf den trockenen Boden warfen. Nie hatte sie einen Baum berühren können. Nur die Früchte durfte sie schmecken. Süß und reif. So wie die, die nun auf einem Tablett herein getragen wurden. Dienerinnen, die beschämt ihren Blick senkten, als sie die Schönheit der Priesterin sahen. Gehüllt in einen leichten Seidenstoff, gab sie auch viel ihrer Schönheit den Blicken preis. Störten die geifernden, gierigen Augen mancher Gläubiger sie? Nein. Denn niemals würde es auch nur einer wagen, sie zu berühren. So wollte es das Gesetz – welche Strafe würde es für denjenigen haben, der es brach?
Die Mondstrahlen streichelten sanft die Haut ihrer Priesterin. Heute war eine wichtige Nacht. Die Mondin würde sie auserwählen und zu ihrer obersten Dienerin machen. Doch bis dahin würde es noch einige Zeit dauern. Noch war die Nacht nicht fortgeschritten. Noch zeigte sich ein roter Schimmer am Horizont.
Sie bemerkte eine Präsenz, die fremd war. Mit gewohnter Leichtigkeit drehte sich die Priesterin um – um in ein paar strahlend blaue Augen zu schauen. Einen Moment schien es ihr die Kehle zuzuschnüren. Einen Moment stockte ihr Atem. „Ich bin der Hohepriester des Lichts. Diener der Sonne.“ Ein muskulöser, braungebrannter Oberkörper unterstrich mit einer angedeuteten Verbeugung die Ehrerbietung, die in der tiefen Stimme des Mannes klang. „Ich bin die künftige Hohepriesterin der Mondin. Dienerin der Nacht“, erwiderte sie ebenso ehrfurchtsvoll mit einem sachten Kopfnicken. Einen Moment lang schauten sie einander an. Schließlich bot der Sonnen-Priester ihr die Hand, um sie zu ihrem Thron zu geleiten, wartete, bis sie sich nieder ließ, um ihr dann von den köstlichen Früchten zu reichen. „Ohne die wärmende Kraft der Sonne wären diese Früchte bitter und hart.“ Versuchte er sie zu reizen? „Ohne die beruhigende Macht des Mondes würde kein Baum, kein Tier und kein Mensch die Ruhe und den Schlaf finden, den sie brauchen, um die Kraft zum Wachsen und Gedeihen zu sammeln.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Priesters. Ein Lächeln, das eines jeden Menschen Herz zu berühren vermochte. Und doch erstarb das Lächeln, als er in die Augen der Priesterin sah – und darin ertrank. Zäh lag Schweigen in der Luft – die Kluft, die Tag und Nacht trennte, lag zwischen ihnen und doch tat sie es nicht. Wenn Tag und Nacht sich nur an entfernten Enden sacht berühren durften, so konnten der Priester des Tages und die Priesterin der Nacht ihre Arme umeinander schlingen, sich spüren, riechen, schmecken. Kaum eine Frucht hätte süßer sein können, als ein Kuss. Keine Blume hätte zarter sein können, als eine liebevolle Berührung. Der volle Mond warf sein Licht in die Halle der Priesterin. Rein und klar – so wie der Geist einer Hohepriesterin sein sollte. Und obwohl dies die Nacht der Weihe war, bedeckte die große Mondin ihr Angesicht. Wolken zogen auf. Schnell und beängstigend dunkel. Doch er hielt sie in seinen Armen und alles war gut. Er führte sie, leitet sie. Und sie folgte ihm. Geduldig lernte sie zu nehmen. Geduldig gab sie. Sie liebten einander – innig und wahrhaftig. Er versprach ihr die Ewigkeit – und doch wusste sie, dass es nur ein flüchtiger Moment war. Aber manchmal konnte ein Moment genügend Kraft für die Ewigkeit geben. Das wusste sie – während die große Mondin die Wolken Tränen weinen ließ und nur manchmal hervorlugte, um ihre Tochter zu beobachten.
Stunden später – die Sonne begann die Nacht zu vertreiben, zerrten die Wächter den Lichtpriester hinfort. Er schwor und beteuerte. Seine Worte waren ehrlich – doch wahr waren sie nicht. Die Augen wurden ihr schwer und warme Traurigkeit umfing sie; und doch war ihr Herz leicht und unbeschwert. Sie würde ihn nie wieder sehen. Doch was war schon die Ewigkeit gegen einen kleinen Moment des Glücks?

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
11.12.07 21:53


Tarot – Geschichten : I – Der Magier

I – Der Magier


Das Publikum applaudierte frenetisch. Was hätte es auch anderes tun sollen? Wieder einmal war die Illusion perfekt gewesen. Die Illusion, dass alles nur eine Illusion war. Woher hätten diese armseligen Kreaturen es auch besser wissen sollen? Woher hätten sie es wissen sollen, dass das, was er ihnen zeigte, wahre Magie war? Abend für Abend verkaufte er sich und seine Gabe für einen Hungerlohn. Und mit jedem Abend wuchs die Wut. Mit jedem Abend wuchs der Hass auf diese seelenlosen Kreaturen, die nur danach hungerten, unterhalten zu werden. Konsum, Fressen, Saufen, Illusion. Immer wieder dasselbe Spiel. Zählte seine Gabe? Zählte es, dass er sie fesseln konnte? Sie lachten über ihn. Den „Zauberer“. Den Illusionisten, der mit billigen Tricks, die jeder durchschauen konnte, die seichte Unterhaltung zu den noch seichteren Gesprächen bot.
Heute würde ihnen das Lachen vergehen.
Die Jungfrau, die in Wahrheit die nicht mehr so ganz jungfräuliche Tochter des Besitzers war, schwebte. Er schlang einen Reifen um ihren Körper um zu zeigen, dass sie nicht an irgendwelchen Bändern hing. Die verbrauchte Schönheit lächelte ihn an und flüsterte ihm etwas zu, das er nicht hören wollte. Nein, nicht schon wieder. Nicht heute Nacht. Auch wenn die „Ich sag’s Daddy“ – Drohung in jeder ihrer so lieblos vorgetragenen Bitten mitschwang. Nicht heute Nacht. Er hatte zu tun. Seine Augen griffen nach einer jungen Frau – oder einem Mädchen – wer vermochte es schon so genau zu sagen, die an einem der vorderen Tische saß. Ihre grünen Augen hingen an den seinen, während er eine unsichtbare Hand um ihre Brust legte und den Atem aus ihr presste. Gleichzeitig versetzte er den anderen Gästen, die ihre fettigen Finger an den Tischtüchern abwischten, unter den Tischen mit den Frauen ihrer Chefs füßelten und viel zu junge Mädchen im Arm hielten, einen Energiestoß, der manchem die Tränen in die Augen trieb. Einem Mann schoss Blut aus der Nase. Einem anderen quollen die Augäpfel aus den Höhlen hervor. DAS war wahre Magie. Mit der Stimme seines Geistes rief er sie alle an. „ICH WILL, DASS IHR MIR ZUHÖRT!“ Ein kollektives Stöhnen ging durch die Menge. Die schwebende Jungfrau bekam Panik und begann in der Lust zu zappeln. Mit einem Lächeln dachte er bei sich, dass sie aussah wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber er wollte nur, dass man ihm zuhörte. Einmal nur wollte er, dass man auf seine Stimme hörte.
Doch dann stockte ihm der Atem. Hatte er denn etwas zu sagen? Er könnte sein Gabe hier und jetzt missbrauchen, egoistisch sein und sie zwingen, zuzuhören. Doch was ist es wert, wenn etwas unter Zwang geschieht? Was ist ein Geständnis wert, wenn es unter Zwang abgelegt wird. Was ist eine Liebe wert, zu der man gezwungen wird? Sein Blick wanderte zu Papas Töchterchen, die mehr und mehr zappelte und doch nicht vom Fleck kam. In ihren Augen sah er die Erkenntnis. Sie wusste, dass die Magie echt war. Und sie wusste, dass ihr Leben eine Lüge war. Dabei war sie die einzige hier, die er nicht mit seinem Bann belegt hatte. Sie hatte seine Stimme gehört. Obwohl er nicht zu ihr gesprochen hatte. Und während sich ihre Blicke kreuzten, flüsterte sie ihm diese Erkenntnis zu: „Tu es nicht.“
Was war es wert, Gutes zu erreichen, wenn man Zwang als Saat nahm?
Er wirkte einen leichten Zauber, ließ sie alle schlafen. Einzig seine erzwungene Bettgenossin ließ er, wo und wie sie war. Langsam und behutsam ging er auf sie zu, nahm ihre Hand, die sie – trotz allem, trotz dessen, was sie sah, trotz des Zwangs, dessen sie sich bewusst war, den sie auf ihn ausgeübt hatte, trotz allem – vertrauensvoll in seine Hand legte. Das Lächeln war echt. Ebenso wie das gewisperte „Danke.“ Er half ihr vorsichtig auf die Beine, die ihr wegzuknicken drohten. Ein eilig herbei gezogener Stuhl brachte ihr Halt. Starr schaute sie ihm ins Gesicht. „Das hast du nicht nötig.“ Was hätte er darauf schon sagen sollen? Verzweiflung und Zweifel übermannten ihn. Ihr Blick glitt zur Tür, ihr Kopf deutete ihm sanft die Richtung. „Geh deinen Weg.“

© 2007 by Dana Brixia
10.12.07 21:42


Tarot – Geschichten : 0 - Der Narr

0 – Der Narr.



Es war bitterkalt in der Stadt. Weißer Atem stieg aus den Mündern und Nasen derer empor, die jetzt noch unterwegs waren. Manches Fenster war hell erleuchtet – andere finster, wie die herannahende Nacht. Sein Blick schweifte an den Fassaden der Häuser empor. Lichter spiegelten sich in dem kalten Glas, hinter dem Büros und Geschäftsräume lagen. In manchen drang auch das Licht von innen nach außen. Wer mochte jetzt noch arbeiten? Vermutlich diejenigen, die er dazu antrieb, immer mehr zu leisten – für immer weniger Geld, dachte er hämisch und ein schiefes Grinsen huschte über das sonst so starre Gesicht. Den Stolz, der ihn erfüllte, konnte er kaum verbergen. Er hatte es geschafft. Seine Eltern – Gott möge sie selig haben – hatten immer wieder jedem, der es hören wollte, oder auch nicht – erzählt, dass ihr Sohn es zu etwas bringen würde. Ihr Sohn habe großes in seinem Leben vor! Ihr Sohn würde es weit bringen. Wie weit, das hatten sie sich wohl nie vorstellen können. Als Politiker oder Geschäftsführer hatten sie ihn gesehen. Ihm alles ermöglicht, was dafür nötig war. Schule, Studium, Kurse in Rhetorik und Menschenführung. Alles – einfach alles hatten sie für ihn getan. Aber was hatte es ihnen gebracht? Einen frühen Tod. Sie hatten ihr Leben für seines aufgeopfert und am Ende war nichts mehr für sie geblieben.
Aber er hatte ihren Traum gelebt. Lebte ihn heute, mit jedem Atemzug. Oh ja – die Macht durchströmte ihn mit jedem Tag stärker. Wer würde sich heute noch mit ihm anlegen. Wer würde es heute noch wagen, sich ihm in den Weg zu stellen?
Ein Bettler tat es. Ein Mann in schäbigen Lumpen. Genug Lagen übereinander angezogen, damit die Löcher in den einzelnen Stücken nicht weiter störten. Der Mann schaute ihn an.
„Was willst du?“ Doch der Bettler antwortete nicht, sondern schaut ihn nur weiter ruhig und gelassen an. „Was willst du, frage ich dich! Kannst du nicht antworten? Weißt du nicht, wer ich bin?“ Der Bettler kniff die Augen zusammen und nickte in lähmender Langsamkeit. „Dann weißt du sicher auch, dass du mir nicht den Weg versperren solltest, alter Mann! Sonst findest du dich schneller in einem Grab wieder, als du denken kannst!“ Diese Drohung aus dem Munde des wohl mächtigsten Mannes der Stadt beeindruckte den Bettler nicht im Geringsten. „Jetzt geh, du Abschaum!“ Doch der Alte bewegte sich nicht.
„Es scheint, dass du doch nicht weißt, wer ich bin…“ Der Bettler grinste schief. „Oh doch. Das weiß ich. Du bist ein unglücklicher Mann.“ „Wieso solle ich unglücklich sein? Meine Organisation versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Kein Mann, keine Frau, kein Kind, das mich nicht kennt und fürchtet.“ „So wie deine eigene Frau dich fürchtet?“ „Sie fürchtet mich nicht. Ich bin gut zu ihr.“ „Ist sie es auch zu dir?“ Provozierend schaute der Bettler ihn an. „Was willst du damit sagen?“ Wieder ein Grinsen. „Nichts. Weißt du… du erinnerst mich an jemanden, den ich mal kannte. Jemanden, der viel Geld hatte. Viel Macht. Eine schöne Frau, die ihm zu Füßen lag…. Wenn sie nicht gerade jemand anderem zu Füßen lag. Braven Kindern, die nicht seine waren. Mitarbeitern, die kuschten, wenn sie ihn nur sahen…. Und wenn sie ihn nicht sahen, an seinem Stuhl sägten. Du – mein Lieber – bist ein unglücklicher Mann. Denn du hast etwas, das dieser Mann nicht hatte: Verstand. Du siehst all das, was um dich herum passiert. Du weißt, dass deine Frau jetzt gerade nicht sehnsüchtig auf dich wartet, sondern mit deinem besten Freund vögelt. Sie setzt dir täglich Hörner auf. Du weißt, dass sie die Pille nicht abgesetzt hat, so wie du es wolltest, weil du Kinder willst. Sie will keine – und das weißt du. Sie wird immer die Trauben den Rosinen vorziehen… Deine beiden Assistenten wirtschaften in die Tasche, aber auch das weißt du. Sie nagen an deinem Stuhl und versuchen, dich von den Füßen zu holen, um dich wie Raubtiere zu zerfleischen. Und dennoch verschließt du vor all dem die Augen und gibst vor, glücklich und zufrieden zu sein. Frei wie ein Schmetterling. Und doch bist du nur eins: Ein Narr.“
„Was nimmst du dir eigentlich heraus? Du…“ „Dann widersprich mir…“
Die beiden starrten einen Moment lang an. „Was rätst du mir, alter Mann?“ „Was willst du denn?“ „Gücklich sein.“ „Dann sei der Narr, für den sie dich alle halten. Spiele ihr Spiel. Sei unbesorgt und unbekümmert.“ Verwirrt schaute der Mann den Alten an, doch der lachte nur. „So oder so – der Narr bist du immer. Dein Leben wird nicht ewig so weiter gehen, wie bisher. Sie alle arbeiten an deinem Sturz. Verhindern kannst du das nicht.“
Niesend verschwand der Bettler in einer Seitengasse und ließ den eben noch so stolzen Mann zurück. Einen Moment lang schloss er die Augen. Ein stechender Schmerz begann sich von der Stirn aus in seinen Kopf zu bohren. Seine Hand strich über das Holster an seiner Seite und den Griff der Waffe. Es könnte schnell gehen. Doch dann… nein. Der Alte hatte Recht. Er war der Narr und würde es immer bleiben.
Doch wie oft regierten die Narren alle anderen, ohne dass diese es bemerkten?

© 2007 by Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
9.12.07 12:13


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