Madness reigns


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Die einsame Fremde

Die einsame Fremde
Noch nie hatte er soviel Liebe und Leidenschaft gespürt, wie in diesem Moment der vollkommenen Verschmelzung. Noch nie hatte er gefühlt was er jetzt fühlte. Noch nie hatte er sich einer Frau näher gefühlt.
Angefangen hatte alles in dieser Bar, dem ‘Twisters’.
Er hatte dort allein an der Bar gesessen. Mit seinen schwarzen Augen in den Whiskey gestarrt. Da kam diese Frau herein. Ihr pechschwarzes Haar fiel ihr bis über die schmale Taille. Ihr wunderschöner Körper mit den üppigen Brüsten, den schlanken Beinen und den knackigen Po wurde kaum durch ein Nichts von Seide verhüllt. Ihre nachtblauen Augen, die, in dem schummrigen Licht der Bar, fast violett erschienen, suchten den Raum ab. Sie sah so verloren und einsam aus. Einige Schritte von der Tür entfernt war sie stehen geblieben. Sie sah sich jede hier anwesende Person genauestens an.
Wie immer war der Großteil der Gäste Männer. Eines war sicher: Kein Mann hatte in diesem Moment Augen für irgend etwas anderes. Weder für die Frau, die die wenigen mit am Tischen sitzen hatte, noch für ihr Bier oder gar den Fernseher, der im Hintergrund lief.
Schließlich kam sie direkt auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Er konnte es kaum glauben. Immer schon hatte er Erfolg bei Frauen gehabt, aber ein solches Exemplar, wie diese, war ihm noch nie unter gekommen. Diese Fremde war mit Sicherheit das schönste weibliche Wesen, das ihm je begegnet war. Sie musste den Barkeeper, der sie ob ihrer Schönheit verwirrt anstarrte zweimal um ein Glas Wasser bitten, bevor dieser überhaupt bemerkt hatte, dass sie etwas bestellt hatte. Sie nahm einen winzigen Schluck aus dem Glas, kaum erkennbar, dass jemand etwas getrunken hatte und sah sich weiter im Raum um.
Es machte ihn unglaublich eifersüchtig, dass alle Männer diese Frau anstarrten. Aber wieso eigentlich? Sie hatten noch nicht einmal ein Wort miteinander gewechselt. Dennoch konnte er die Blicke und das Tuscheln der anderen Männer kaum ertragen.
Schließlich wand sie sich ihm zu und hauchte mit einer unglaublich tiefen Stimme ein verlegenes: „Hallo.“ Wow, dieses Lächeln, das diesem kurzen Wort folgte, ließ den Platz in seiner Hose beträchtlich kleiner werden. Er stotterte sein ebenso verlegenes: „Hallo.“ zurück. Sie wandte sich wieder ab. Nein! Er musste nachdenken. Er musste irgendetwas sagen. „Ich habe sie hier noch nie gesehen.“ Denkbar blöd, aber es zog. Sie erzählte ihm, sie sei neu in der Stadt und würde noch niemanden kennen. Eigentlich habe sie den Stadtpark gesucht um einen Abendspaziergang zu machen, aber habe sich vollkommen verlaufen. Eigentlich sei sie nur hier hereingekommen, um ein Taxi anzurufen.
„Wo wohnen Sie denn, wenn ich das einfach so fragen darf?“ Sie nannte ihm die genaue Adresse. „Ja, aber das ist doch gar nicht so weit von hier. Wenn Sie erlauben, dann bringe ich Sie nach Hause. Das ist keine Uhrzeit, um die eine so schöne Frau allein unterwegs sein sollte.“ Sie stimmte zu. Er bezahlte seinen Whiskey, den er in der Zeit, seit diese Wahnsinnsfrau das ‘Twisters’ betreten hatte, nicht mehr angerührt hatte. Ihr Wasser, das sie auch nicht weiter angerührt hatte, zahlte er ebenfalls.
Draußen war es empfindlich kalt geworden, aber der unbekannten Schönheit schien das nichts auszumachen. Sie hakte sich bei ihm unter und drückte ihren Körper leicht an den seinen. Die Berührung ihrer Brust an seinem Arm ließ ihn erschauern.
Der Weg zu ihrem Haus verlief schweigend. Nur manchmal sah sie ihm unverwandt ins Gesicht und lächelte ihn an. Jedes Mal durchlief ihn ein wohliger Schauer. Er frage einmal, ob es ihr nicht zu kalt sein, in dem Kleid, ob sie seine Jacke haben wolle. Aber sie sah ihn nur überrascht an, als verstünde sie nicht, was er meinte. Er legte ihr einfach die Jacke um. Einmal lachte die fremde Schöne ohne jeden ersichtlichen Grund auf. Es war ein glockenhelles Lachen. Keine Melodie der Welt hätte schöner sein können. Er genoss den Augenblick und fragte nicht, warum sie gelacht hatte. Er genoss einfach ihre Gegenwart.
Schließlich waren sie da. Das Haus war riesig. Aber es war ein altes Haus, das dringend renoviert werden musste.
„Leben Sie alleine hier?“ „Ja, ich habe das Haus geerbt. Ich wollte es mir ansehen und einige Zeit darin wohnen, um zu entscheiden, ob ich es behalten will oder es lieber verkaufe.“ „Ist das nicht schrecklich einsam, in einem so großen und alten Haus?“ „Es geht. Ich bin nicht oft hier. Eigentlich nur zum Schlafen.“ Ihm fiel auf, dass er sie noch nicht einmal gefragt hatte, was sie beruflich ganz zu schweigen von Ihrem Namen
„Möchten Sie vielleicht noch auf ein Glas Wein mit hineinkommen?“ Sie hatte bereits die Tür geöffnet. „Warum nicht? Wenn ich Sie nicht störe.“ „Würde ich Sie dann hereinbitten?“ Sie sah im direkt in die Augen. Wieder jagte ihm ein Schauer über den Rücken. Dieses Mal aber eher ein kalter. Die Gegend hier war ganz schön düster. Es war ihm nur recht, erst mal mit ins Haus zu gehen. Hauptsache nicht hier draußen bleiben. Also trat er ein. Sie schaltete das Licht an. Es war ein angenehm gedämpftes Licht. Das Haus sah von innen um Klassen besser aus, als von außen. Überall lagen dicke Teppiche, die jeden Schritt lautlos machten und verdammt teuer zu sein schienen. Das Wohnzimmer war sehr schlicht, dafür um so eleganter eingerichtet. Hier gab es keinen unnötigen Krimskrams. Alles hatte klare Formen und Konturen. So wie die Besitzerin, kam es ihm in den Sinn.
„Fühlen Sie sich nur wie zu Hause. Setzen Sie sich.“ Sie kam gerade mit einer staubigen Flasche Rotwein zurück und zeigte auf das weiße Ledersofa. Er setzte sich. Sie gab ihm die Flasche und den Öffner. „Ich muss grad' noch was erledigen. Fünf Minuten.“ Sie lächelte ihn an. „Ich wird bestimmt nicht weglaufen.“ Nein, dass würde er bestimmt nicht. Kein Mann der Welt wäre freiwillig gegangen, wenn er im Wohnzimmer dieser Frau saß. Von hier aus war sicher auch das Schlafzimmer nicht mehr weit. Es dauerte etwas länger bis sie wiederkam, so dass er inzwischen einen Schluck Wein probiert hatte. Das hier war ein ganz edles Tröpfchen. Als sie wieder kam hatte sie sich umgezogen. Sie trug nun einen seidenen Bademantel. Er starrte sie fasziniert an. Sie kam langsam auf ihn zu, fixierte ihn mit ihren tiefblauen Augen und öffnete langsam den Bademantel.
„Jetzt bekommst du, was du schon den ganzen Abend willst.“ Sie sank vor ihm auf die Knie und öffnete seine Hose. Er konnte nicht glauben, was da gerade geschah. Aber er sah sich auch nicht in der Lage, es zu unterbinden. Ihm wurde nur noch schwarz vor Augen. Sie war so phantastisch, wie es phantastischer nicht ging. Ihre Lippen, ihre Zunge, ihre Brüste. Er konnte nicht mehr sagen, was ihn berührte. Er fühlte sich wie losgelöst.
Schließlich saß sie auf seinem Schoß und er war in ihr. Noch nie hatte sich irgendetwas so verdammt gut angefühlt. Er streichelte ihre nackte Haut. So glatt und weich - wenn auch etwas kalt. Aber das störte ihn weiß Gott nicht. Sie küsste ihn mit ihren vollen roten Lippen. „Sag mir, dass du immer bei mir bleiben wirst“, forderte sie. Nun gut, wenn es das war, was sie hören wollte. „Ja, ich will immer bei dir bleiben. Und ich will, dass du immer weiter machst, was du gerade tust.“ Sie lächelte ihn an. Dann beugte sie sich wieder über ihn und flüsterte ihm ins Ohr: „Du wirst immer bei mir sein, du wirst sein was ich bin und haben was ich habe.“ Dann küsste sie seinen Hals. Das war der Moment, indem er kam und er kam gewaltig. Nie hatte er so etwas gespürt, nie war er sich so sicher eine Frau zu lieben, nie hatte er solche Leidenschaft gefühlt.
Und dennoch. Etwas war falsch. Zutiefst falsch. Ihm wurde kalt und er spürte ein warme Flüssigkeit über seine Brust laufen.
Dann mit einem Mal wurde ihm alles klar. Seine Großmutter hatte ihm immer gesagt: „Die Frauen werden dich ins Grab bringen!“ Sie hatte so recht und zugleich so unrecht. Ein Grab würde er nie brauchen, aber eine Frau hatte ihn getötet. Und diese Frau saß nun neben ihm. Sah ihn an. Was nur? Was hatte er an ihr gefunden. Es gab wahrlich schönere Frauen. Nun, da ihr hübsches Gesicht mit Blut - mit seinem Blut - besudelt war. Nun, da ihr Lächeln zu einer grausamen Fratze wurde. Nun, da sie sagte: „Ja, du wirst immer bei mir sein. Denn du ahnst nicht, wie einsam die Ewigkeit ist!“
Copyright 1998 by Dana Brixia / NHS
7.6.09 21:33


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Tarot – Geschichten : VIII – Die Ausgleichung

VIII – Die Ausgleichung

Dieses ständige Lächeln machte sie krank. Immer schön höflich bleiben. Möchten Sie noch einen Kaffee, kann ich Ihnen noch etwas bringen, ist alles zu ihrer Zufriedenheit…
Diese feisten Fettsäcke mit ihren feinen Anzügen. Diese ekelhaften Ansammlungen von Fettleibigen, Alkoholikern und Kettenrauchern entschieden über Wohl und Wehe der Menschen, um die sie sich kümmern sollten. Sie entschieden zwischen Kanapees und Piccolo darüber, wer gehen musste und wer bleiben durfte. Sie entschieden, welche Abteilungen Bestand haben würden und welche amputiert wurden wie ein wundbrandverseuchter Fuß. Nur, dass hier auch gesunde Gliedmaßen geopfert wurden.
An Tagen wie diesem hasste sie ihren Job. Ihrem Chef warf sie ein mitleiderfülltes Lächeln zu. Dieser arme, kleine Mann, der nicht mehr war als eine Marionette der Großaktionäre und Investoren. Das schlimmste für ihn war es wohl, dass er sich dieses Umstandes durchaus bewusst war. Selig sind die, die nicht wissen, wer sie manipuliert… Er wusste es nur zu gut. Und jede Entlassung war ein weiterer Dolchstoß in sein Herz. Jedes Gespräch mit einem Mitarbeiter. Jedes Kündigungsschreiben, unter das er seine Unterschrift setzte. Trauer um das Unternehmen, das er groß gemacht hatte, legte sich wie Stahlklauen um sein Herz. Und jetzt, wo seine treue Seele von Sekretärin ihn so fürsorglich anlächelte, griffen die Klauen fester zu. Wenigsten sie würde erstmal bleiben können. Er würde dafür kämpfen. Fast hätte er laut geseufzt – doch das hätte wohl für Irritationen gesorgt. Also schloss er nur kurz die Augen und konzentrierte sich dann wieder auf die, die so wenig zu sagen hatten und doch so viele Worte dafür brauchten.
Seine Sekretärin hatte alle mit frischem Kaffee, Wasser, Wein und Sekt versorgt und leise wieder den Raum verlassen. Die gute Seele…

Am Abend lag er mit schmerzendem Kopf auf seinem Bett und verfluchte den Tag. Die Dämmerung war nur noch ein dunkles Grau, das schon sehr bald zum Schwarz der Nacht werden würde. Immer wenn er die Augen schloss, sah er seine Sekretärin, die ihm aufmunternd zulächelte; sah er die Gesichter der Menschen, deren Leben er zerstören sollte. Unnötiger Weise. Das Unternehmen lief gut – und es brach ihm das Herz. Langsam holte der Schlaf seine Amok laufenden Gedanken ein und ließ ihn in unruhige Träume fallen. Träume von Gesichtern, Kindern ohne Perspektive und Arbeitern ohne Hoffnung. Es war so frustrierend.

Lächelnd empfing sie ihn am nächsten Morgen. Fragte besorgt, ob er nicht gut geschlafen habe. Was sollte er schon sagen? Die traurige Wahrheit? Wieder ein Tag, an dem sich die Schreiben mit den Forderungen der Aktionäre und Investoren auf seinem Schreibtisch stapelten. Manchmal wünschte er sich nichts sehnlicher, als Robin Hood zu spielen. Doch das konnte er nicht tun. Wenn er die Geldgeber verärgerte, dann würden mehr arbeitslos werden als jetzt – dann wäre die Firma pleite. Es klopfte. Seine Sekretärin kam herein und schaute ihn ruhig an. „Schauen Sie mal…“, flüsterte sie fast und reichte ihrem Chef eine Abschrift der neuen Verträge. „… so geht im Todesfall zwar das Anteilsrecht an die Erben, nicht jedoch das Stimmrecht…“ stand da. „Was…“, murmelte er erschrocken. „Sie haben es alle unterschrieben. Keiner hat auch nur mit der Wimper gezuckt…“ Sie lächelte ihn an. „Aber… wer hat es reingeschrieben?“ fragte er verwirrt. Doch sie lächelte nur weiter. „Oh, das scheint mir aus Versehen hineingeraten zu sein. Aber Chef, wenn es nun so von allen unterschrieben ist…“ Aus dem Lächeln wurde ein breites und zufriedenes Grinsen. Langsam verstand auch er. „Also müssen wir nur noch abwarten, bis die alten Säcke…“, dämmerte es ihm. „Oder wir helfen nach…“ erwiderte sie.

© 2008 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
19.5.08 12:49


Tarot – Geschichten : VII – Der Wagen

VII – Der Wagen


I don’t know where I’m going
But, I sure know where I’ve been
Hanging on the promises
In songs of yesterday
And I’ve made up my mind
I ain’t wasting no more time
But, here I go again
Here I go again


Whitesnake dröhnten aus dem Radio. Der Song war – wie immer – herzerweichend, berührte ihr Innerstes und gab ihr doch den nötigen Schub, endlich voran zu gehen. Also drehte sie den Zündschlüssel, warf einen letzten Blick zurück auf das Haus, das sie „Zuhause“ genannt hatte. Dachte an die Liebe, die sie hier erfahren hatte – und an den Schmerz, die Verzweiflung und den Hass. War es richtig, zu gehen? Zu fliehen? Einen kurzen Augenblick lang schoss sie die Augen. Dann fuhr sie los. Immer weiter die verschneite Straße entlang, die durch den Wald führte. Die Morgendämmerung setzte langsam ein, aber an einem Sonntag interessierte das kaum jemand. Die Strecke – ohnehin wenig befahren – war nun verwaist. Sie zog die ersten und einzigen Spuren in den frischen Schnee. Tränen rannen über ihr Gesicht, während sie weiter dem Song lauschte und sich Bilder aus der Vergangenheit ins Gedächtnis rief.
Es war besser so. Vor ihr auf der Straße stand ein Reh und blickte erschrocken in die blendenden Scheinwerfer. Vorsichtig trat sie auf die Bremse, um nicht die Kontrolle über das Auto zu verlieren.
Kontrolle – das war das wichtigste überhaupt. Niemals die Kontrolle verlieren. Und doch hatte sie sie so gründlich verloren, dass ihr nun nichts anderes als die Flucht ins Unbekannte blieb. Müde legte sie den Kopf auf das Lenkrad. Wo wollte sie eigentlich hin? Hier konnte nicht der Weg das Ziel sein – niemals. Ihr Zuhause hatte sie verlassen. Allerdings hatte sie es schon lange Zeit zuvor verloren. Es war zu einer kalten Höhle geworden. Sie musste weiter. Langsam und vorsichtig fuhr sie wieder an, immer darauf bedacht, den Halt nicht zu verlieren. Weniger Kilometer weiter wurde sie unruhig. Irgendetwas lenkte ihre Aufmerksamkeit ab. Im Wald sah sie ein Licht. Ein Irrlicht? Langsam bremste sie ab und beobachtete das Licht. Es stand starr, es bewegte sich nicht. Im Schnee glaubte sie die Umrisse einer Hütte zu erkennen. War dort ein Haus? Nie zuvor wäre es ihr aufgefallen. Wie in Trance drehte sie den Zündschlüssel und zog ihn aus dem Schloss. Als sie die Tür des Wagens öffnete, blies ihr kalter Wind ins Gesicht und sie zog ihre Jacke fester um sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Das icht schien kurz zu flackern, dann stand es wieder still. Es war dumm, in der Dämmerung in den Wald zu gehen, um einem unbekannten Licht zu folgen – das war ihr klar. Aber der Drang, zu sehen, was dort war, war umso größer. Die Schritte im immer tiefer werdenden Schnee fielen ihr schwer. Immer wieder sackte sie in ein unsichtbares Loch. Doch das Licht zog sie an, als wäre sie eine Motte in Dunkelheit. Tatsächlich war dort ein Haus. Vielmehr eine Hütte. Das Licht blieb ruhig. Die Tür war nur angelehnt, dennoch klopfte sie, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, die auch ausbliebt. Vorsichtig schob sie die Tür auf und betrachtete das karge Innere der Hütte, die nur aus einem Raum zu bestehen schien. Das Licht ging nicht von einer Lampe aus, auch nicht von dem leeren, kalten Kamin. In der Mitte des unnatürlich groß scheinenden Raumes leuchtete es aus dem Boden. Misstrauisch näherte sie sich der Lichtquelle. Erstaunt atmete sie aus, als sie das Loch im Boden betrachtete. Es war mit einer metallisch glänzenden Flüssigkeit gefüllt, in der sich ihr durch ihren eigenen Atem verzerrtes Bild spiegelte. Mühsam widerstand sie dem Drang, die Hand in die Flüssigkeit zu tauchen. Wenn es denn eine Flüssigkeit war. Rund um das Loch im Boden waren seltsame Zeichen geritzt. Das einzige, das sie entziffern konnte war „Schild des Gralweges“. Was sollte das sein? Abenteuerlust stieg in ihr auf. Gral - das sagte ihr etwas. Aber was sollte das alles hier? Neugierig schaute sie sich in der Hütte um, die ansonsten absolut leer zu sein schien. Im Kamin lag kalte Asche. Mit dem Finger fuhr sie durch die grauen Überreste eines Feuers. Der Gral. Sie zeichnete Schlangenlinien in die Asche und wandte sich wieder dem Loch im Boden zu. Das Leuchten schien stärker zu werden und sie beugte sich erneut hinüber. Doch dieses Mal sah sie nicht in ihr eigenes, verzerrtes Antlitz, sondern große, leuchtende Augen schauten sie an. Ein Flüstern, ein Wispern. Gedanken an ihr Leben, Erinnerungen an ihre Liebe, Fetzen von Gesprächen, Streits, Wut, Hass flogen durch ihren Kopf. Ihr wurde schwindelig. Das Wispern hielt an. Komm auf den rechten Weg… So leise, so eindringlich. Was war der richtige Weg. Sie verlor den Gleichgewichtssinn, ging in die Knie. Draußen knirschten Schritte im Schnee. Sie musste weg hier. Fort… ihre Hand glitt in das flüssige Metall. Fast hätte sie aufgeschrieen und doch war das Gefühl so angenehm. Sie ließ sich hineingleiten, als sich die Tür der Hütte öffnete und verschwand.

© 2008 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
23.3.08 11:56


Tarot – Geschichten : VI – Die Liebenden

VI – Die Liebenden


Heiß spürte sie seinen Atem, während sie sich auf das Bett gleiten ließ, das in einem See von Mondlicht zu schwimmen schien. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihn mit hierher zu nehmen? Es war so schon schwer genug, ein unbehelligtes Leben zu führen. Schwer genug, einfach in Ruhe gelassen zu werden. Ihr Blick fiel auf den vollen Mond. Das hier würde nicht gut gehen. Sie hatte schon zu lange nicht mehr… Ein Zittern durchlief ihren Körper, als er seine Hand ihre Wirbelsäule hinabfahren ließ. Überwältigt schloss sie die Augen und konzentrierte sich, nicht alles zu zerstören. Als sie die Augen wieder öffnete, spiegelte sich der Vollmond in ihren dunklen Augen. Was hatte sie sich gedacht? Dieser Mann war so nett, so zuvorkommend gewesen. Warum tat sie das hier? Er küsste sie zwischen den Schulterblättern und jagte so den nächsten wohligen Schauer durch ihren Körper. Es durfte nicht geschehen. Unter keinen Umständen durfte es geschehen. Mühevoll entwand sie sich seinem Griff, wandte sich ihm zu und er lächelte sie an. Auf eine Art und Weise, die sie fast vergessen ließ, wo sie war. Wer sie war… Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht. Gedanken begannen, sich wie ein riesiger Kreisel zu drehen. Hin und her, her und hin. Langsam und unstet. Etwas war… falsch…
„Stimmt etwas nicht? Soll ich lieber gehen?“
Diese Stimme… wie ein Seidentuch, das sie einhüllte. Seine blauen Augen wie hypnotische Seen. Seine Hände, die ihre so sanft berührten. So kalt… Seine Lippen, die immer wieder über ihren Körper wanderten, fest und warm und doch war er sonst so kalt. Die blauen Seen schienen sie genau zu beobachten, abzuschätzen. Mühsam schüttelte sie den Kopf. Es würde schon irgendwie gut gehen. Oder nicht? Seine Hände nahmen ihr Gesicht, seine Daumen fuhren die Konturen entlang. So fein und doch so wild. Sollte er es tun? Sie war nur eine Fremde. Aufgelesen in einer Bar. Und in keiner besonders guten. Ein schäbiger Ort für eine Frau, die in einem so noblen Haus außerhalb der Stadt wohnte. Ihr Auftreten hatte ihn schon in der Bar verwirrt. Sie war anders. Keine dieser verzweifelten Kreaturen, die dort krampfhaft nach etwas menschlicher Nähe suchten und sie nie finden würden. Sie verwirrte ihn. Er war geneigt, einfach zu gehen. Doch konnte er das so einfach? Wohl kaum. Denn sie verwirrte ihn nicht nur, sie machte ihn auch neugierig und so spannte er alle Sinne an, um sie zu durchdringen. Doch schien der Mond ihr eine Rüstung auf die Haut zu spiegeln, die er nicht durchdringen konnte. Er stand auf, wollte die Jalousien schließen, doch sie zog ihn zurück.
„Lass das. Ich mag den Mondschein.“
Das Brummen, oder vielmehr das Grollen, das seiner Kehle entwich, schien kaum mehr menschlich zu sein, doch er fügte sich ihrem Willen. Sanft drückte er sie zurück in die Kissen und war schnell über ihr. Zu schnell? Doch sie ließ ihn gewähren. Ließ seine Lippen weiter über ihren Körper wandern.
Jetzt oder nie.
Spitz und schmerzhaft bohrten sich seine Zähne in das empfindliche Fleisch ihres Halses. Er hielt sie fest, doch sie bäumte sich mit ungeahnter Kraft auf, entglitt seinen Armen, während sie aufheulte, wie ein verwundetes Tier. Mit unglaublicher Schnelligkeit durchquerte sie den Raum, hielt sich die blutende Wunde und ging in eine lauernde Hocke. Ihre Augen hatten die Farbe gewechselt und schienen nun bernsteingelb zu leuchten. Ihr Blut tropfte von seinem Kinn auf das Laken. Mit blankem Entsetzen sah er, wie sich ihre Gesichtszüge veränderten, katzenähnlich wurden, die Augen ihn fixierten und sie ihren Körper spannte, wie zum Sprung.
„Du bist kein Mensch…“, stellte er konsterniert fest.
„So wenig wie du“, gab sie fauchend zurück, bevor sie sprang.

© 2008 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
22.3.08 19:12


Das neue Jahr

Diese Geschichte ist nicht neu - genau genommen ist sie 5 Jahre alt. Da sie aber 2002 zu Silvester geschrieben wurde, ist es wohl Silvester 2007 ein guter Zeitpunkt, sie auch hier zu veröffentlichen.
Viel Spaß beim Lesen und einen guten Rutsch euch allen.
Dana


Das neue Jahr

Bunter Funkenregen. Rot. Gelb. Grün. Blau. Weiß. Schwarz...
Der Himmel. Im Farbenspiel verblassende Sterne.
Das Tal kalt und frostig zu meinen Füßen.
Der Atem, in weißen Wolken, vermischt sich rauchend mit Schwarzpulver und Schwefel.
Sanfter Schnee bestäubt sacht die schleierhafte Szene.
Das alte Jahr ist vorbei. Ein neues steht vor der Tür und verlangt lautstark – glitzernde – Einlass.

Das Tal zu meinen Füßen feiert. Und ich? Einsam stehe ich hier oben. Ein stiller Betrachter.
Sie grüßen einander. Wünschen. Danken.

Mich grüßt keiner. Sieht keiner.

Das Gesicht zu den Sternen gewandt. Federleichte Flocken berühren zart meine Haut. Benetzen. Kühl.
Es ist still. Das leise Grollen aus dem Tal klingt nur noch vernebelt. Fast ist der fallende Schnee lauter.

Der Boden. Wiesen. Halme. Erde. Alles ist mittlerweile zart weiß bedeckt. Und die Explosionen verhallen. Stille…

Ein einziger Funkenregen – ein roter Feuerball, eine brennende Blüte – steigt noch einmal lautlos in den verrauchten Himmel. Dunkelheit…

Kälte kriecht durch meinen Mantel, der nur lose an mir hängt. Die Haut friert.
Der Schnee stürmt nun zur Erde. Die Bäume tragen schon schwer an seiner Last.
Augen geschlossen. Stille und Dunkelheit füllen die Leere. Eine eisige Träne rollt über die Wange. Der Weg, den sie sich über die Haut sucht, brennt…
Dichte Wolken verstecken das funkelnde Sternenspiel. Den Mond.

*****

Schmerz füllt langsam meinen Körper. Schmerz verdrängt langsam die kriechende Kälte.

Immer mehr Tränen heißen ihn willkommen.

*****

Eine Hand legt sich schwer auf meine zitternde Schulter.
„Komm jetzt“, die Stimme ist warm und weich. Angefüllt mit liebevoller Zuneigung. Tief und dumpf klingt sie in meinen Ohren.
Ich folge der Gestalt der Stimme. Sie lockt und schmeichelt. Ohne ein weiteres Wort. Doch jede Bewegung ist eine zermürbende Qual. Arme. Beine. Schmerzen.

Warum?

*****

Die hölzerne Hütte wartet mit wohliger Wärme. Wärme, welche die Schmerzen nur noch verstärkt. Kurz. Und dann schafft sie es, die Kälte und Schmerz zu durchdringen.

Im Kamin flackert Feuer in zuckenden Zungen.
Rot. Orange.
Farben, die wärmen.

Möbel gibt es keine. Ein weiches Fell liegt auf dem harten Holzboden. Die Läden der Fenster sind fest verschlossen.
Die Gestalt der Stimme lädt mich ein in ihren Armen Frieden zu finden. Ruhe. Schlaf.
Doch der Geruch des Tales dringt in die verschlossene Hütte. Schwarzpulver und Schwefel mischen sich mit dem Rauch des Feuers. Stören die empfindlichen Sinne. Stören die Träume.
„Schlaf“, weich warm dunkel. Keinen Widerspruch.

Augen fallen zu. Schläfrig.

*****

Erwachen in Kälte und Dunkelheit.

Kalter Rauch erloschenen Feuers liegt schwer und drückend in der frischen, kühlen Luft. Die Läden sind noch immer fest verschlossen.
Geöffnet bieten sie einen den Atem raubenden Blick. Die Welt versinkt im Weiß. Trotz der Dunkelheit der neuen Nacht schmerzt das silberne Licht des Mondes hell in den empfindsamen Augen. Sterne glitzern tausendfach in Eiskristallen. Die Welt ein wundervoller Diamant. So weiß. So rein. So klar. Facetten des Lichts.
Und doch ist noch immer der Schmerz der vergangen Nacht da.

Und doch bin ich wieder allein. Die Gestalt der Stimme spricht nicht warm, nicht weich zu mir. Lockt nicht. Verführt nicht.

*****

Die siebte Nacht. Sie bringt die Klarheit.

Ich bin verlassen.

Die Gestalt der Stimme kehrt nicht zurück.
Allein.
Schmerz erfüllt mich noch immer.
Das Tal hat seine eigene furiose Faszination. Magie. Es zieht mich. Lockt mich. Will mich verführen.
Häuser – vor wenigen Wochen, vor wenigen Tagen – hell und warm erleuchtet, sterben nun in der Dämmerung ihren eigenen Tod.

Es wird Zeit für mich. Zeit, das neue Jahr – das neue Leben – zu begrüßen.

Zeit für Hunger.

Zeit für Jagd.

Zeit zum Töten.



© 2002 by Dana Brixia
31.12.07 15:44


Der Regen

Einfach mal zum Anhören:

http://danabrixia.com/regen.mp3
30.12.07 20:15


Tarot – Geschichten : V – Der Hohepriester

V – Der Hohepriester

Es war still geworden in diesen „heiligen“ Hallen. Um diese Uhrzeit trieb sich niemand mehr im Gebäude herum und selbst die fleißigsten Studenten brüteten nun zu Hause weiter über ihren Büchern. Die Notbeleuchtung warf müde Lichtschimmer auf den polierten Fußboden. Die Heimstatt des Wissens war wie leer gefegt. Er zog seine einsamen Runden über das Gelände. Vielleicht hätte er Hausmeister werden sollen… oder in anderen Zeiten vielleicht Nachtwächter. Bim…bim…bim… hört ihr Leute, hört mich sagen… die Uhr hat 12 geschlagen… Der Gedanke brachte ihn zum Schmunzeln. Aber nur für einen kurzen Moment – dann beherrschte wieder die kühle Strenge sein Gesicht, die seine Studenten so gefürchtet hatten. Die Philosophie. Die Metaphysik. Der Glaube. Das alles waren seine Gebiete gewesen, in denen er immer wieder mit allzu kritischen Fragen seine Studenten ans Grübeln gebracht hatte. Er hatte sie hinterfragen lassen, was es auch immer auf der Welt zu hinterfragen gab. Er hatte sie zweifeln lassen und sicherlich auch so manchen verzweifeln lassen. Am Ende auch sich selbst. Weder sein Zweifel, noch sein unerschütterlicher Glauben hatten das Unheil, das sein Leben überschattet hatte, verhindern können. Im Glauben war er blind gewesen und hatte auf Fügung gehofft. Im Zweifel war er verbittert und hatte mit böser Zunge all das zerstört, was noch heil war. Was ihm erst viel später klar geworden war: Vertrauen hatte er zu keiner Zeit gehabt. Heute wusste er, dass ein Mensch vertrauen musste. Sich selbst in erster Linie – aber nicht zu letzt auch den eigenen Lieben. Je härter das Schicksal ihn strafte, desto mehr begegnete er der Welt mit Misstrauen – ja, oft sogar den Menschen mit Missgunst. Schwäche tolerierte er nicht. Und weil er dort, wo er sie nicht verhindern konnte, die Augen vor der Schwäche verschloss und wie ein Kleinkind glaubte, was man nicht sehen kann, sei nicht da. Wie sehr hatte er sich geirrt. Wie weit entfernt lagen Wahrheit und Sinn? Keine Wissenschaft hatte ihm Trost gespendet. Nachdem seine Frau, seine Kinder, seine Eltern, seine Freunde gestorben waren, hatte er erneut Zuflucht im Glauben gesucht. Einem mitleiderfüllten Glauben der Verzweiflung. Die Zweifel hatten in verzweifeln lassen. Doch der kalte, dogmatisierte und sterile Glauben, den er gefunden hatte, hatte sein Leid nicht lindern können. Der Ausweg war ihm so einfach erschienen.

Und nun musste er erkennen, dass kein Ausweg jemals einfach war. Keine Flucht verhieß das Heil der Erlösung. Wie die Dämmerung die Nacht beiseite schob und dem hellen, klaren Tageslicht den Weg bereitete, so dämmerte es ihm im Geist. Kein Glaube, keine Wissenschaft würde ihm jemals Seelenfrieden geben.

Mit müden und bewölkten Augen schaute er in eine der Vitrinen. Darin befand sich ein Zeitungsartikel. Sein eigenes Bild – in jüngeren Jahren – blickte ihm entgegen. Und zugleich legte sich sein eigenes, altes, verbrauchtes Spiegelbild über die alte Fotografie. In diesem Moment war er jung. Und er war alt. Und hoch über ihm strahlte ein Licht. Die Vergangenheit in der Vitrine. Die Gegenwart, die erkannt hatte, dass man Wahrheit und Friede nur in sich selbst finden konnte und niemals in der Welt, in der man sie suchte, stand davor.
Und die Zukunft… sie strahlte über ihm, denn er hatte endlich verstanden.
Und während er dem Licht in die Zukunft folgte, ruhten seine Augen auf dem brüchig gewordenen Zeitungspapier „Professor der hiesigen Universität begeht auf dem Campus Selbstmord.“ Lange war es her – und nie hat jemand verstanden, was ihn trieb. Nicht einmal er selbst.

Bis jetzt.

© 2007 Dana Brixia published on www.myblog.de/danabrixia
30.12.07 18:45


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